Die Kommune
1. MASSREGELN FÜR DIE ARBEITERKLASSE
Nachtarbeit von Bäckergesellen untersagt (20. April).
Die private Gerichtsbarkeit, die die Fabrikherren etc., (Fabrikanten) (Unternehmer, große und kleine) usurpiert hatten, wobei sie gleichzeitig Richter, Vollstrecker, Gewinner und streitende Partei in einer Person waren, abgeschafft, jenes Recht, ihr eignes Strafgesetzbuch zu haben, das es ihnen gestattete, die Löhne der Arbeiter durch Geldbußen und die als Strafen getarnten Lohnabzüge usw. zu berauben, in öffentlichen und privaten Werkstätten abgeschafft; den Unternehmern Strafen angedroht, wenn sie gegen dies Gesetz verstoßen; Geldbußen und Lohnabzüge, seit dem 18. März eingetrieben, müssen den Arbeitern zurückgezahlt werden (27. April). Verkauf von Pfändern in Leihhäusern ausgesetzt (29. März).
Eine große Anzahl Werkstätten und Fabriken in Paris sind geschlossen worden, da ihre Besitzer geflohen sind. Das ist die alte Methode der industriellen Kapitalisten, die sich „durch das spontane Wirken der Gesetze der politischen Ökonomie“ berechtigt glauben, nicht nur aus der Arbeit Profit zu ziehen, was für sie die Voraussetzung jeglicher Arbeit ist, sondern sie überhaupt einzustellen und die Arbeiter auf die Straße zu werfen – um eine künstliche Krise zu erzeugen, sobald eine siegreiche Revolution die „Ordnung“ ihres „Systems“ bedroht. Die Kommune hat, sehr weise, eine kommunale Kommission eingesetzt, welche in Zusammenarbeit mit den von den verschiednen Syndikatskammern vorgeschlagenen Delegierten nach Mitteln und Wegen suchen wird, die verlassenen Werkstätten und Fabriken an Arbeiterkooperativgenossenschaften zu übergeben, mit einiger Entschädigung für die geflüchteten Kapitalisten (16. April); (diese Kommission hat auch Statistiken der verlassenen Werkstätten aufzustellen).
Die Kommune hat an die Mairies die Anordnung gegeben, hinsichtlich der Entschädigung von 75 Centimes keinen Unterschied zu machen zwischen den sogenannten illegitimen Frauen und den Müttern und Witwen von Nationalgardisten.
Die Kommune hat die öffentlichen Prostituierten in Paris, die bisher für die „Männer der Ordnung“ gehalten wurden, sich aber aus Gründen der „Sicherheit“ der letzteren in persönlicher knechtender Abhängigkeit von der Polizeigewalt befanden, von dieser entwürdigenden Sklaverei befreit und sowohl den Boden beseitigt, auf dem die Prostitution blüht als auch die Männer, die sie gedeihen ließen. Die feineren Prostituierten – die Kokotten – waren selbstverständlich unter der Herrschaft der Ordnung nicht Sklavinnen, sondern Herrinnen der Polizei und der Regierenden.
Natürlich hatte die Kommune noch keine Zeit, den öffentlichen Unterricht (Erziehung) zu reorganisieren; aber durch die Beseitigung des religiösen und klerikalen Elements hat sie es unternommen, das Volk geistig zu emanzipieren. Sie hat (am 28.April) eine Kommission zur Organisierung des (allgemeinen (elementaren) wie des beruflichen) Unterrichts ernannt. Sie hat angeordnet, daß alle Lehrmittel wie Bücher, Landkarten, Papier etc. von den Lehrern kostenlos ausgegeben werden, die sie ihrerseits von den zuständigen Mairien erhalten. Kein Lehrer ist berechtigt, aus welchen Gründen immer, von seinen Schülern Bezahlung für diese Lehrmittel zu verlangen. (28.April.)
Pfandhäuser: <Jeder vor dem 25.April 1871 ausgestellte Pfandschein über die Verpfändung von Kleidung, Möbeln, Wäsche, Büchern, Bettzeug und Arbeitswerkzeugen, der nicht über1 20 frs. beträgt, kann ab kommenden 12.Mai unentgeltlich eingelöst werden.> (7.Mai.)
2. MASSREGELN FÜR DIE ARBEITERKLASSE,
ABER ÜBERWIEGEND FÜR DIE MITTELKLASSEN
Wohnungsmietsbeträge für die letzten drei Quartale bis April gänzlich erlassen: Alle in diesen drei Quartalen bereits gezahlten Summen werden auf die künftigen Zahlungen angerechnet. Das gleiche Gesetz ist für möblierte Räume vorgesehen. Alle von den Hausbesitzern ergangenen Kündigungen sind um 3 Monate hinauszuschieben (29.März).
Échéances (Bezahlung fälliger Wechsel) (Verfall von Wechseln): Alle Verfahren wegen verfallener Wechsel werden ausgesetzt (12. April).
Alle Handelspapiere dieser Art müssen innerhalb von (Abzahlungen verteilt über) zwei Jahren abgezahlt werden, beginnend am kommenden 15. Juli, wobei die Schuld nicht mit Zinsen belastet werden darf. Die Gesamtsumme der fälligen Beträge wird in 8<gleiche Teile> geteilt, die vierteljährlich zahlbar sind (wobei das erste Vierteljahr vom 15. Juli an datiert). Nur auf diese Teilzahlungen ist, wenn sie verfallen sind, gerichtliche Verfolgung zulässig (16. April). Dufauress Gesetze wegen der Mieten und Wechsel brachten den Bankrott der Mehrheit der ehrlichen Pariser Ladenbesitzer mit sich.
Die Notare, Gerichtsvollzieher, Taxatoren, Büttel und andere Gerichtsbeamte, die bisher aus ihren Ämtern ein Vermögen herausholten, in Angestellte der Kommune verwandelt, die von ihr ein festes Gehalt beziehen wie andre Arbeiter.
Da die Professoren der Medizinischen Hochschule geflohen sind, hat die Kommune eine Kommission ernannt zur Gründung freier Universitäten, die keine Staatsparasiten mehr sein werden; sie hat den Studenten, die ihr Examen bestanden haben, die Möglichkeit gegeben, unabhängig vom Doktortitel zu praktizieren (der Titel wird von der Fakultät verliehen werden).
Da die Richter vom Zivilgericht des Seine-Departements, die wie die andern Beamten immer bereit sind, unter jeder Klassenregierung zu amtieren, geflohen waren, ernannte die Kommune einen Advokaten für die Erledigung der dringendsten Geschäfte bis zur Reorganisation der Gerichte auf der Basis allgemeiner Wahlen (26. April).
3. ALLGEMEINE MASSREGELN
Zwangsaushebung abgeschafft. Im gegenwärtigen Krieg muß jeder waffenfähige Mann (in der Nationalgarde) dienen. Diese Maßnahme – ausgezeichnetes Mittel, um alle Verräter und Feiglinge, die sich in Paris verborgen halten, loszuwerden (29. März).
Glücksspiele untersagt (2. April).
Die Kirche vom Staat getrennt; das Kultusbudget abgeschafft; alle Kirchenländereien zum Nationaleigentum erklärt (3. April).
Die Kommune hatte auf Grund privater Informationen Untersuchungen angestellt und festgestellt, daß die „Regierung der Ordnung“ neben der alten Guillotine den Bau einer neuen Guillotine angeordnet (einer schneller arbeitenden und transportablen) und sie im voraus bezahlt hatte. Die Kommune ließ sowohl die alte wie die neue Guillotine am 6. April öffentlich verbrennen. Die Versailler Blätter stellten – von der „Ordnungs“-Presse der ganzen Welt unterstützt – die Sache so dar: Das Pariser Volk hätte diese Guillotinen aus Protest gegen den Blutdurst der Kommunarden verbrannt! (6. April.) Alle politischen Gefangenen wurden nach der Revolution vom 18. März sofort freigelassen. Aber die Kommune wußte, daß unter dem Regime des Louis Bonaparte und seiner würdigen Nachfolgerin, der Verteidigungsregierung, viele Menschen ohne irgendwelche Anklage, bloß als politisch Verdächtige eingekerkert worden waren. Daher beauftragte sie [eines] ihrer Mitglieder – Protot – damit, Untersuchungen anzustellen. Er ließ 150 Personen frei, die seit sechs Monaten verhaftet und noch keiner gerichtlichen Untersuchung unterzogen worden waren; viele von ihnen waren noch unter Bonaparte verhaftet worden und hatten ein Jahr lang ohne Anklage oder gerichtliche Untersuchung im Gefängnis gesessen (9. April). Diese Tatsache, die für die Verteidigungsregierung so bezeichnend ist, brachte sie in Wut. Sie behauptete, die Kommune habe alle Sträflinge freigelassen. Aber wer ließ verurteilte Sträflinge frei? Der Fälscher Jules Favre. Kaum zur Herrschaft gekommen, beeilte er sich, Pic und Taillefer in Freiheit zu setzen, die in der Geschichte mit der Zeitung „L'Étendard“ wegen Diebstahl und Fälschung verurteilt worden waren. Einer dieser Edlen, Taillefer, der die Frechheit hatte, nach Paris hineinzugehn, wurde wieder in die ihm zukommende Unterkunft gesteckt. Aber das ist nicht alles. Die Versailler Regierung hat verurteilte Diebe aus den maisons centrales2 von ganz Frankreich unter der Bedingung entlassen, daß sie in die Armee des Herrn Thiers' eintreten!
Dekret über die Zerstörung der Säule auf der place Vendôme als
„ein Denkmal der Barbarei, Sinnbild roher Gewalt und falschen Ruhms, Bestätigung des Militarismus, Leugnung des internationalen Rechts“(12. April).
Wahl Frankels (deutsches Mitglied der Internationale) in die Kommune für gültig erklärt: „in Erwägung, daß die Fahne der Kommune die Fahne der Weltrepublik ist und daß Ausländer zugelassen werden können“ (4. April); Frankel später zum Mitglied der Exekutivkommission der Kommune gewählt (21. April).
Das „Journal Officiel“ hat mit der Veröffentlichung der Berichte über die Sitzungen der Kommune begonnen (15. April).
Dekret Paschal Groussets zum Schutz von Ausländern gegen Requisition. Noch nie war eine Regierung in Paris so höflich gegenüber Ausländern (27.April).
Die Kommune hat politische und Berufs-Eide abgeschafft (4.Mai).
Zerstörung des „Chapelle expiatoire de Louis XVI“3 genannten Denkmals in der rue d'Anjou-St.Honoré (Werk der Chambre introuvable von 1816) (7.Mai).
4. MASSREGELN ZUR ÖFFENTLICHEN SICHERHEIT
Entwaffnung der „loyalen“ Nationalgarden (30.März).
Die Kommune erklärt, daß ein Sitz in ihren Reihen mit einem Sitz in der Versailler Versammlung unvereinbar ist (29.März).
Dekret über Repressalien. Niemals durchgeführt. Die Burschen nur verhaftet, Erzbischof von Paris und curé der Madeleine-Kirche4; der ganze Stab des Jesuitenkollegs; Pfründner aller großen Kirchen; Teil dieser Burschen verhaftet als Geiseln, teils als Verschwörer mit Versailles, teils, weil sie versuchten, Kirchenvermögen dem Zugriff der Kommune zu entziehen (6.April).
„Die Monarchisten führen Krieg wie Wilde; sie erschießen die Gefangenen, sie ermorden die Verwundeten, sie feuern auf Ambulanzen, Soldaten heben die Gewehrkolben hoch und feuern dann verräterisch“ (Proklamation der Kommune).
Hinsichtlich dieser Dekrete über Repressalien ist zu bemerken:
Erstens: Alle Schichten der Pariser Bevölkerung haben sich – nach der Auswanderung der Kapitalisten, der Faulenzer und der Parasiten – an Versailles gewandt wegen Beendigung des Bürgerkriegs – außer der Pariser Geistlichkeit. Der Erzbischof und der curé der Madeleine haben, als sie schon Geiseln waren, nur an Thiers geschrieben, um „das Vergießen ihres eignen Blutes“ abzuwenden.
Zweitens: Nach der Veröffentlichung des Dekrets der Kommune über Repressalien, über die Ergreifung von Geiseln usw. hörte die brutale Behandlung der von Versailles gemachten Gefangenen durch Piétris Lämmer und Valentins Gendarmen nicht auf, sondern die Ermordung der gefangenen Pariser Soldaten und Nationalgardisten wurde eingestellt, um mit erneuter Raserei wieder einzusetzen, sobald die Versailler Regierung sich überzeugt hatte, daß die Kommune zu human war, ihr Dekret vom 6.April durchzuführen. Dann begann der Massenmord von neuem. Die Kommune ließ nicht einen Geisel, nicht einen Gefangenen hinrichten; sogar einige Gendarmerieoffiziere, die Paris in Nationalgardistenuniform als Spione betreten hatten, wurden nur verhaftet.
Überrumplung der Redoute von Clamart (2.Mai). Bahnstation in der Hand der Pariser, Gemetzel, Bajonettkampf, das 22.Jägerbataillon (Galliffet?) erschießt Liniensoldaten auf der Stelle, ohne jede Formalität (2. Mai). Redoute Moulin-Saquet, zwischen Fort d’Issy und Montrouge gelegen, nachts durch Verrat des Kommandanten Gallien überrumpelt, der die Parole an die Versailler Truppen verkauft hatte. Die Föderierten im Bett überrascht und ein großer Teil von ihnen niedergemacht. (4. Mai?)
25.April. 4 Nationalgardisten (dies festgestellt durch nach Bicêtre entsandte Beauftragte, wo der einzige Überlebende der 4 Mann 〈von Belle-Epine, in der Nähe von Villejuif〉; sein Name Scheffer). Diese Männer wurden von berittenen Jägern umzingelt und ergaben sich auf deren Aufforderung, da sie keinen Widerstand leisten konnten; sie wurden entwaffnet; die Soldaten taten ihnen nichts. Aber dann trifft der Rittmeister der Jäger ein und schießt sie einen nach dem andern mit dem Revolver nieder. Auf dem Boden liegen gelassen. Scheffer, schrecklich verwundet, überlebte.
13 Liniensoldaten, die auf der Bahnstation Clamart gefangengenommen wurden, sind auf der Stelle erschossen worden, und alle in Versailles eintreffenden Gefangenen in Linienuniform werden sofort, nachdem ihre Identität geklärt ist, hingerichtet. (Versailler „Liberté“.) Alexander Dumas, der Sohn, der sich jetzt in Versailles aufhält, berichtet, daß ein junger Mann, der die Funktion eines Generals ausgeübt, wenn er auch den Generalsrang nicht hatte, auf Befehl eines bonapartistischen Generals erschossen wurde, nachdem er unter Bewachung einige hundert Yards zurückgelegt hatte…
Pariser Truppen und Nationalgardisten in Häusern werden [von] Gendarmen umzingelt, [die] das Haus mit Petroleum begießen und dann anzünden. Einige (calcinés5) Leichen von Nationalgardisten wurden von der Ambulanz der Presse in Les Ternes transportiert („Mot d’Ordre“, 20.April). „Sie haben kein Recht auf Ambulanzen.“
Thiers. Blanqui. Erzbischof. General Chanzy. (Thiers sagte, seine Bonapartisten hätten es vorgezogen, erschossen zu werden.)
Haussuchungen etc. Casimir Bouis 〈ernannt zum Vorsitzenden einer Untersuchungskommission〉 über das Vorgehen der Diktatoren vom 4.Sep-
tember (14. April). Haussuchungen in Privathäusern und Papiere beschlagnahmt, aber keine Möbel fortgeschafft und versteigert (Papiere der Burschen vom 4. September, des Thiers' etc, und bonapartischer Polizeileute6), z. B. im Hause von Lafont,
Verhaftungen in ihren eignen Reihen: Das schockiert den Bourgeois maßlos, der politische Idole und „große Männer“ braucht.
„Es ist jedoch aufreizend („Daily News“ vom 6. Mai, Pariser Korresp.) „und entmutigend, daß, wie auch immer die Autorität der Kommune sein mag, ihre Zusammensetzung dauernd wechselt und wir heute nicht wissen, bei wem die Macht morgen sein wird … In all diesem ewigen Wechsel erkennt man mehr denn je das Fehlen eines leitenden Kopfes. Die Kommune ist eine Anhäufung von gleichwertigen Atomen, von denen jedes auf das andre eifersüchtig und keines mit oberster Kontrollgewalt über die andren ausgestattet ist.“
Unterdrückung von Zeitungen!
5. FINANZMASSREGELN
Siehe „Daily News“. 6. Mai.
Hauptausgaben für den Krieg!
Nur 8928 frs. aus Beschlagnahmen – alles von Geistlichen usw. genommen.
„Vengeur“ vom 6. Mai.