MEW/21/ME21-510.html

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Korrekturen von Friedrich Engels zum Programm der Sozialistischen Föderation in Nordengland

Proletarier aller Länder – vereinigt euch!

Sozialistische Föderation Nordenglands
(Gegründet in Northumberland, Mai 1887)

PRINZIPIEN1

Die Sozialistische Föderation Nordenglands ist gegründet worden, um die Volksmassen zu erziehen und zu organisieren, damit sie die ökonomische Emanzipation der Arbeit erreichen.

Während die Sozialistische Föderation voll und ganz Anteil nimmt an jeder Bestrebung der Lohnarbeiter, unter dem bestehenden System bessere Lebensbedingungen zu erlangen und sie darin unterstützt, strebt sie danach, die Klasse der Kapitalisten und Grundeigentümer sowie die Klasse der Lohnarbeiter zu beseitigen und alle Mitglieder der Gesellschaft zu einem genossenschaftlichen Gemeinwesen zu vereinen.

Eine Unternehmerklasse, die alle Mittel zur Erlangung und Schaffung von Reichtum monopolisiert, und eine Klasse von Lohnarbeitern, die gezwungen ist, für den Profit dieser Unternehmer zu arbeiten, das ist ein System der Tyrannei und Sklaverei.

Der Antagonismus dieser beiden Klassen äußert sich in wilder Konkurrenz – um Beschäftigung unter den Arbeitern und um Märkte unter den Kapitalisten. Das spaltet die Nation zu ihrem eigenen Schaden, teilt sie in zwei feindliche Lager und zerstört wirkliche Unabhängigkeit, Freiheit und Glück.

Das gegenwärtige System bringt den Müßiggängern Wohlstand und Luxus, den Arbeitern aber Mühe und Armut, und für alle Erniedrigung; es ist seinem Wesen nach ungerecht und sollte beseitigt werden. Und es kann beseitigt werden, jetzt, da die Arbeitsproduktivität so gestiegen ist, daß keine Ausdehnung der Märkte ihren Warenüberschuß aufnehmen kann, so daß gerade der Überfluß an Lebens- und Genußmitteln zur Ursache der Stagnation des Handels, der Arbeitslosigkeit und folglich des Elends von Millionen Werktätigen wird.

Unser Ziel ist es, ein sozialistisches System zu errichten, das allen gesunde und nützliche Arbeit, allen ausreichenden Wohlstand und ausreichende Freizeit, und allen wahre und vollste Freiheit geben wird.

Alle sind aufgerufen, der Sozialistischen Föderation in dieser großen Sache zu helfen. Die sich uns anschließen, sollen Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit als die Grundlage ihres Verhaltens zueinander und zu allen Menschen anerkennen. Sie sollen den Grundsatz anerkennen: Keine Rechte ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte.

Nach dem Programm mit den handschriftlichen Korrekturen von Engels.
Geschrieben zwischen 14. und 23. Juni 1887.
Aus dem Englischen.

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Interview der „New Yorker Volkszeitung“
mit Friedrich Engels

[„New Yorker Volkszeitung“
Nr. 226 vom 20. September 1888]

Frage: Ist der Sozialismus in England im Fortschreiten begriffen, d. h. akzeptieren die englischen Arbeiterorganisationen mehr als früher die sozialistische Kritik der wirtschaftlichen Entwicklung und streben sie – in nennenswertem Umfange – die sozialistischen „Endziele“ an?

Engels: Ich bin mit den Fortschritten des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in England ganz zufrieden; diese Fortschritte bestehen aber hauptsächlich in der Entwicklung des proletarischen Bewußtseins der Massen. Die offiziellen Arbeiterorganisationen, Trade-Unions, die stellenweise reaktionär zu werden drohen, müssen nachhinken wie der österreichische Landsturm.

Frage: Wie steht es in dieser Beziehung in Irland? Gibt es dort – außer der nationalen Frage – irgend etwas, was im sozialistischen Sinne Hoffnungen erwecken könnte?

Engels: Von Irland ist eine reine sozialistische Bewegung auf längere Zeit nicht zu erwarten. Die Leute wollen erst kleine grundbesitzende Bauern werden, und wenn sie das sind, kommt erst die Hypothek und ruiniert sie nochmals. Inzwischen ist das kein Grund, daß wir ihnen nicht helfen sollten, sich von den Landlords zu befreien, d.h. aus einem halbfeudalen in einen kapitalistischen Zustand überzugehen.

Frage: Wie stellen sich die englischen Arbeiter zur irischen Bewegung?
Engels: Die Massen für die Irländer. Die Organisationen, wie die Aristokratie der Arbeiter überhaupt, gehen mit Gladstone und den liberalen Bourgeois und gehen nicht weiter als diese.

Frage: Wie denken Sie über Rußland? D.h., inwiefern haben Sie Ihre Ansicht modifiziert – die Sie und Marx vor etwa 6 Jahren bei meiner2 damaligen Anwesenheit in London äußerten –, wonach infolge der nihilistisch-terroristischen Erfolge jener Zeit der Anstoß zu einer europäisch-revolutionären Bewegung wahrscheinlich von Rußland ausgehen würde?

Engels: Bin im ganzen noch der Ansicht, daß eine Revolution oder selbst nur die Berufung irgendwelcher Nationalversammlung in Rußland die ganze Gestalt der europäischen politischen Lage umwälzen würde. Aber dies ist heute nicht mehr die nächstliegende Möglichkeit. Dafür haben wir einen anderen Wilhelm3.

Auf die Frage, wie er wohl die heutige europäische Lage charakterisieren würde, entgegnete Engels: Ich habe seit sieben Wochen keine europäische Zeitung in der Hand gehabt, bin also nicht imstande, irgend etwas, was da drüben vorgeht, zu charakterisieren.

Damit schloß die Unterredung.

Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889

„Eine Antwort an die Justice“

[„Der Sozialdemokrat“ Nr. 13 und 14
vom 30. März und 6. April 1889]

In ihrer Nummer vom 16. März 1889 greift die „Justice“, das „Organ der Sozialdemokratie“, in Hinblick auf den obigen Kongreß die Haltung der, wie sie sich ausdrückt, „offiziellen deutschen Sozialdemokraten“ (was das für Leute auch immer sein mögen) im allgemeinen und des „offiziellen Organs der deutschen Sozialdemokratie“ – womit der Londoner „Sozialdemokrat“ gemeint ist – im besonderen an.

Der „Sozialdemokrat“ hat aufgehört, „offizielles“ Organ zu sein, seit ein Erkenntnis des deutschen Reichsgerichtes es unsern deutschen Genossen unmöglich gemacht hat, ein solches zu haben, ohne als Mitglieder einer „geheimen Verbindung“ bestraft zu werden. Von diesem Augenblick an nennt sich das Blatt nicht etwa nur „das Organ der Sozialdemokratie“, sondern schlechtweg – und das will es auch nur sein – ein „Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge“. Trotzdem ist der „Sozialdemokrat“ stolz darauf, das volle Vertrauen der deutschen Sozialdemokratie zu genießen, einer Partei, deren Stärke in den 770 000 Stimmen, die sie bei den Wahlen von 1887 aufbrachte, nur teilweise zum Ausdruck gekommen.

„Justice“ sagt, sie bemerke,

„daß deutsche Sozialdemokraten nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Amerika die Propaganda unserer Sache dadurch stören, daß sie ihre Zeitungen in einer Sprache drucken, die nicht einer von zehntausend um sie herum verstehen kann. Und das, obwohl sie, jedenfalls in den Vereinigten Staaten, gezwungen sind, Englisch zu lernen. Dies nicht genug, beschränken sie sich sogar peinlichst auf ihre eigenen nationalen Klubs.“

Dieser Vorwurf ist gradezu unerhört. Nach der „Justice“ sollen also Deutsche, die im Auslande leben, ihre Sprache, das einzige Mittel der Propaganda unter ihren Landsleuten, aufgeben und bloße Anhängsel der Bewegung werden, die in dem betreffenden Lande zufällig existiert, wie immer dieselbe auch beschaffen ist.

Der „Sozialdemokrat“ ist ein deutsches Blatt, geschrieben für Angehörige der deutschen Zunge. Neun Zehntel seiner Auflage gehen direkt nach Deutschland. Er erscheint zufällig in England, weil ein Zwangsgesetz, schlimmer als das von England Irland gegenüber angewendete, sein Erscheinen im Auslande nötig macht und weil der schweizerische Bundesrat unter dem Drucke Bismarcks seinen ganzen Stab aus der Schweiz ausgewiesen hat.

Die „Londoner Freie Presse“ ist ein Lokalblatt in deutscher Sprache. Sie besteht jetzt seit mehr als drei Jahren, was genügend beweist, daß sie einem Bedürfnis entspricht. Übrigens sei es ihr überlassen, selbst für sich das Wort zu nehmen.

Das mögen auch die Deutschamerikaner tun. Um aber die von „Justice“ gegen sie geschleuderten Anklagen zu kennzeichnen, sei hier festgestellt, daß die Sozialistische Arbeiterpartei von Amerika, obwohl von Hause aus nur und auch jetzt noch zumeist aus Deutschen bestehend, zahlreiche nichtdeutsche Sektionen hat: anglo-amerikanische, slawische, skandinavische etc., daß sie neben vielen deutschen Blättern, die sich entweder vollständig oder doch nahezu decken, ein englisches Organ, den „Workmen's Advocate“ veröffentlicht und dessen noch erhebliches Defizit (s. New Yorker „Sozialist“ vom 2. März 1889, Bericht der National-Exekutive) deckt, daß sie aus ihren Mitteln die Kosten für einen Agitator für die anglo-amerikanischen Arbeiter – Professor Garside – beschafft und daß sie in Amerika sich vorwerfen lassen muß, nur ein Haufen fremder Eindringlinge zu sein, die sich in amerikanische Verhältnisse einmischen, die sie nichts angehen und die sie nicht verstehen. Und das sagt man ihnen nach, ganz unbekümmert darum, daß die Deutschamerikaner entweder amerikanische Bürger sind oder es zu werden und in Amerika zu verbleiben gedenken. Würden die Deutschen in England, die fast alle sich hier nur zeitweise aufhalten, die ihnen von der „Justice“ erteilten Weisungen befolgen, englische Blätter für englische Leser herausgeben, sich an der öffentlichen Agitation unter Engländern aktiv beteiligen, sich in die englische Politik einmischen, allen Pflichten von Engländern nachkommen und alle Rechte von Engländern verlangen, derselbe Vorwurf würde ihnen ins Gesicht geschleudert werden, und unter anderen möglicherweise auch von der „Justice“.

Was die Behauptung anbetrifft, daß die Deutschamerikaner „gezwungen sind, Englisch zu lernen“, so kann ich nur sagen, ich wünschte, es wäre so. Leider aber ist es keineswegs der Fall.

Wo immer aber deutsche Sozialisten gewesen sind, da können sie Anspruch darauf erheben, in den Grenzen ihres Könnens tätig und erfolgreich an der sozialistischen Agitation mitgewirkt zu haben. Weder in Amerika noch in der Schweiz, noch im Osten und Norden Europas nähme die Sozialdemokratie ihre heutige Stellung ein, wäre ihr nicht die Tätigkeit der sich in den betreffenden Ländern aufhaltenden Deutschen zugute gekommen. Sie sind überall und allezeit die Ersten gewesen, die Sozialisten der verschiedenen Nationen in Verkehr miteinander zu bringen, und der Deutsche Arbeiterbildungsverein (jetzt 49, Tottenham Street, Tottenham Court Road) war, wenn wir bis 1840 zurückgehen, der erste internationale sozialistische Verein. Wenn diese Tatsachen der „Justice“ unbekannt sind, so kennen die internationale Polizei und das internationale Kapital sie sehr genau. Wo immer ausländische Sozialisten von der festländischen Polizei belästigt, verfolgt, ausgewiesen wurden, waren es in drei von vier Fällen Deutsche, und das jetzt dem amerikanischen Kongreß unterbreitete Gesetz zur Verhütung der Einwanderung ausländischer Sozialisten richtet sich hauptsächlich gegen Deutsche.

Die „Justice“ fährt fort:

„Nun zu dem bevorstehenden Kongreß. Die Possibilistische Partei wurde auf dem Pariser Kongreß von 1886, wo die Deutschen vertreten waren, und auf dem Londoner Kongreß von 1888 einstimmig beauftragt, den 1889er Kongreß zu organisieren. Nicht der geringste Einwand wurde zur Zeit erhoben … Man durfte daher vernünftigerweise hoffen, daß alle die erbärmlichen persönlichen Bitterkeiten der letzten paar Jahre überwunden seien. Dennoch hat das offizielle Organ der deutschen Sozialdemokraten von jener Zeit an bis jetzt unablässig die Possibilisten bekrittelt und beschimpft und die Angriffe fanden ihren Abschluß in einem Caucus“ (englische Bezeichnung für politische Komitees mit usurpierten Vollmachten), „der am 28. Februar in dem Büro des „Recht voor Allen“ stattfand und an die elenden Intrigen erinnert, die die alte

„Internationale' zum Bruch trieben. In dieser Woche ist der ‚Sozialdemokrat' wieder an der Arbeit und zitiert aus dem New Yorker ‚Sozialist' einen Angriff auf unsere französischen Genossen – ein Fall von ‚Schwein auf Speck', wahrhaftig. Sicherlich sollten unser Genosse Rackow und alle unabhängigen deutschen Sozialdemokraten sich mit uns zu einem ehrlichen Versuch vereinigen, dieser kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtzieherei ein Ende zu machen.

Um alles das zu verstehen, ist etliche Kenntnis der Geschichte der französischen sozialistischen Bewegung bis 1871 unerläßlich. Die Sozialisten Frankreichs, in der Kommune von 1871 zu Boden geworfen, sammelten sich nach und nach und traten im Jahre 1879 auf dem Kongreß zu Marseille, wo sie sich als eine Arbeiterpartei organisierten, wieder vor das Publikum; jedoch kam es im Jahre 1882, auf dem Kongreß von St.Étienne, zu einer Spaltung. Jede Fraktion nannte sich die französische Arbeiterpartei (parti ouvrier), aber sie werden am besten unterschieden durch die Namen, die sie sich gegenseitig beilegten: nämlich Possibilisten und Marxisten. Neben ihnen bestand noch die Gruppe der Blanquisten, die ihre besondere Organisation aufrechterhielten, obwohl sie im allgemeinen erst mit der Arbeiterpartei und nach der Spaltung mit den sogenannten Marxisten gingen. Jede dieser verschiedenen Sektionen zählt wieder innerhalb der Sphäre ihres Einflusses eine Anzahl von Fachvereinigungen (chambres syndicales) und anderer Arbeitervereine. Im ganzen waren die Possibilisten am stärksten in Paris, während in den Provinzen die sogenannten Marxisten nahezu allein das Feld beherrschten. Auf das Wesen der Differenzen, welche die Fraktionen trennen, gehe ich hier nicht näher ein. Es ist bedauerlich genug, daß sie existieren. Aber weder die englischen Sozialisten, die selbst in verschiedene Gruppen gespalten sind, noch die deutschen Sozialisten, die erst seit 1875 vereinigt sind, haben ein Recht, den Franzosen diesen Mangel an Einigkeit zum Vorwurf zu machen.

Um sich als die einzig wirkliche, die Arbeiterpartei Frankreichs, Geltung zu verschaffen, verlegten sich die Possibilisten darauf, internationale Konferenzen und Kongresse zu veranstalten. Eine solche Zusammenkunft fand in Paris im Jahre 1883 statt, eine zweite (die vom Ausland hauptsächlich durch englische Trades-Unionisten besucht war) im Jahre 1884, eine dritte 1886, auf der auch einige Vertreter anderer Nationen anwesend waren. Auf dieser Konferenz wurde ein Internationaler Kongreß, der 1889 in Paris stattfinden solle, beschlossen, und die Possibilisten wurden mit seiner Organisation beauftragt. Aber der deutsche Delegierte Grimpe und ebenso der Vertreter Österreichs haben dieser Resolution nicht zugestimmt. Und jedenfalls hat dieser Beschluß einer Konferenz, an der außer den Possibilisten und den englischen Trades-Unionisten nur wenige Belgier, ein Australier, ein Deutscher, ein Delegierter eines deutschen Vereins in London, ein Schwede und ein Österreicher teilnahmen, lediglich den Wert eines Wunsches. Wie wenig die auf ihr gefaßten Resolutionen selbst von ihren Teilnehmern für bindend erachtet wurden, bewiesen die englischen Trades-Unionisten, die auf ihrem Huller Kongreß ausdrücklich verschiedene derselben verwarfen.

Im September 1887 fand in St.Gallen in der Schweiz ein Parteitag der deutschen Sozialdemokratie statt. Auf demselben wurde unter anderem eine Resolution angenommen, zum Jahre 1888 einen Internationalen Arbeiterkongreß einzuberufen. Als aber um dieselbe Zeit von des Trades Unions der Londoner Kongreß einberufen wurde, war die deutsche Arbeiterpartei bereit, ihren eigenen Kongreß fallenzulassen, vorausgesetzt, daß sie auf dem, der in London zusammentreten sollte, zugelassen – einfach zugelassen! – würde.

In ihrer Einladung zum Kongreß hatten die Trades Unions erklärt, daß nur wirkliche Delegierte von nachweisbar bestehenden Arbeitervereinen zugelassen werden würden. Aber unter den gegenwärtigen Zwangsgesetzen in Deutschland würde jede Fachvereinigung durch die einfache Wahl und Entsendung eines Delegierten nach London ihre sofortige Auflösung und die Konfiskation ihres Vermögens von seiten der Regierung auf sich herabbeschworen haben. Die von dem Gewerkvereinskommitee formulierte Bedingung lief einfach auf den Ausschluß aller deutschen Delegierten hinaus. Die deutsche Arbeiterpartei sandte nun A.Bebel, unsern wohlbekannten Reichstagsabgeordneten, als ihren Delegierten nach London, und der Unterzeichnete begleitete ihn. Bebel sprach auf den Sekretariaten des Parlamentarischen Komitees und des Londoner Zentralrats der Gewerkschaften vor und konferierte mit Vertretern der Sozialdemokratischen Föderation und der Sozialistischen Ligue. Eine längere Korrespondenz entspann sich, in der die Deutschen eine Änderung der Zulaßbedingungen suchten. Aber die Entscheidung des Parlamentarischen Komitees wurde aufrechterhalten, die Tür des Kongresses vollbedachts uns vor der Nase zugeschlagen. Darauf erließ die Leitung unserer Partei ihren Protest gegen solch einen Kongreß.

Der Kongreß fand statt. Nie in der Geschichte der Bewegung der Arbeiterklasse ist ein Arbeiterkongreß unter so erniedrigenden Bedingungen zusammengetreten. Alle früheren Arbeiterkongresse hielten darauf, souverän zu sein. Die Einberufer mochten vorläufige Bestimmungen treffen, aber jeder Delegierte konnte seine Stimme dagegen erheben, und dann traf der Kongreß den maßgebenden Entscheid. Diesmal aber wurden Zulaßbedingungen, Tagesordnung, Geschäftsordnung, kurz alles und jedes im voraus von dem Parlamentarischen Komitee, diesem antisozialistischen Organ des antisozialistischen Londoner Gewerkschaftsrates, diktiert. Trotzdem unterwarfen sich die sozialistischen Delegierten des Kongresses dieser Erniedrigung, weil sonst der Gewerkschaftsrat, der das Lokal gemietet hatte, sie hinausgewiesen hätte, und weil sie es – und mit Recht – für wichtiger hielten, vor der Welt die Existenz einer starken sozialistischen Minderheit unter den englischen Gewerkschaften bekanntzugeben. Aber sie waren verpflichtet, Protest zu erheben, und das haben sie unterlassen.

Die Beschlüsse eines solchen Kongresses können selbst für die, die auf ihm vertreten waren, kaum als bindend betrachtet werden, und seine eigentlichen Einberufer, das Parlamentarische Komitee, lehnen sie auch ab, indem sie sich weigern, für irgendeinen derselben die Hand zu rühren. (Bericht des P.K., November 1888, S. 2.) Daß sie für diejenigen bindend sein sollten, die nicht nur nicht auf ihm vertreten waren, sondern mit Vorbedacht ausgeschlossen worden sind und gegen ihn protestiert hatten, ist einfach albern. Unbekümmert darum beschloß der Kongreß, daß im Jahre 1889 in Paris ein Internationaler Kongreß stattfinden solle und beauftragte die Pariser Possibilisten mit seiner Organisation.

Während der Londoner Kongreß tagte, hielten die mit den sogenannten Marxisten Frankreichs verbundenen französischen Gewerkvereine in Bordeaux ihren Kongreß ab und beschlossen ebenfalls, daß ein Internationaler Arbeiterkongreß 1889 in Paris stattfinden solle. Ein Delegierter von Bordeaux ward zum Londoner Kongreß entsandt, kam aber dort erst an, um seinem Schluß beizuwohnen.

Weiter. Die französischen Possibilisten hatten ihren eigenen nationalen Arbeiterkongreß auf den Dezember vorigen Jahres nach Troyes einberufen. Aber das Organisationskomitee in Troyes – ihre eigenen Leute – hielten es für ihre Pflicht, zu einem solchen Kongreß Delegierte aller sozialistischen und Arbeitervereine Frankreichs einzuladen. Daraufhin ließen die Possibilisten ihren Kongreß im Stich, der in ihrer Abwesenheit von den sogenannten Marxisten und Blanquisten abgehalten wurde, welche die in Bordeaux gefaßte Resolution in bezug auf einen 1889 in Paris abzuhaltenden Internationalen Kongreß bestätigten. Und das einfach aus Gründen der Notwehr, denn sie wissen zu gut, daß, indem der Londoner Kongreß den Possibilisten die Organisation des von ihm beschlossenen Pariser Kongresses übertrug, er tatsächlich, wenn auch unwissentlich, den Ausschluß aller französischen Arbeiter, die nicht unter dem Einfluß der Possibilisten stehen, vorbereitete.

So hätten also zwei konkurrierende Kongresse 1889 in Paris zusammentreten sollen. Und wenn die „Justice“ auch ihre Leser in vollkommener Unkenntnis der Tatsache gelassen, daß erhebliche Fraktionen französischer Arbeiter im Herbst 1888 in Bordeaux und Troyes zusammengetreten waren (in Bordeaux vertraten 63 Delegierte 250 lokale Gewerkschaften, u.a. von Marseille, Lille, Lyon, Roubaix; in Troyes 36 Delegierte 327 verschiedene Organisationen, lokale Fach- und sozialistische Vereine) und einen Kongreß beschlossen haben, auf dem auch sie vertreten sein könnten, so kam diese Tatsache doch zu den Ohren der deutschen sozialdemokratischen Partei. Demgemäß hielten es die Deutschen für ihre Pflicht, ihr möglichstes zu tun, die Abhaltung von zwei konkurrierenden Kongressen, die in Gegner schaft zueinander stehen und die beide ein Mißerfolg sein würden, zu verhindern, und zu sehen, was getan werden könne, diese zwei Rumpfkongresse zu einem wirklichen Kongreß zu verschmelzen.

Zu diesem Behuf schlug die sozialistische Fraktion im deutschen Reichstag, die die Leitung der deutschen Partei bildet, eine Internationale Konferenz vor, zu der sie beide Fraktionen der französischen Sozialisten und diejenigen nichtdeutschen sozialistischen Organisationen einlud, mit denen sie in Verkehr und Korrespondenz steht. Diese Konferenz hat am 28. Februar in Haag (Holland) stattgefunden, und auch ich war dort – freilich nicht als Delegierter, sondern bloß als Zuschauer. Beide Parteien Frankreichs waren eingeladen, aber die Possibilisten lehnten ein Erscheinen ab. Die Marxisten sandten Lafargue. Weiter waren dort: zwei Deutsche (Bebel und Liebknecht), zwei Holländer (Croll und Domela Nieuwenhuis), zwei Belgier (Anseele und Volders), zwei Schweizer (Reichel und Scherrer).

Drei Fragen galt es vor allen Dingen zu erledigen. Erstens die Schritte zur Erzielung eines einheitlichen Kongresses, zweitens die Ausarbeitung von Zulaßbedingungen, welche es unmöglich machen, irgendeine Gruppe, die billigerweise Anspruch auf Zulaß hat, auszuschließen, und drittens die Sicherstellung der Souveränität des Kongresses in seinen inneren Angelegenheiten. Denn die Possibilisten waren bereits in die Fußtapfen des Parlamentarischen Komitees der Trades Unions getreten und hatten im voraus eine Geschäftsordnung ausgearbeitet, welche für den Kongreß bindende Kraft haben sollte. Nicht nur enthielt dieselbe bereits fix und fertig die Tagesordnung, sondern u.a. auch die Vorschrift, daß nicht der Kongreß in seiner Gesamtheit, sondern jede einzelne Nationalität die Mandate der ihr zugehörenden Delegierten prüfen und über ihre Gültigkeit entscheiden solle. Beides, sowohl diese Tagesordnung als speziell diese Art der Mandatsprüfung, mag der Kongreß später annehmen oder nicht, aber jedenfalls muß sein Recht, sie anzunehmen oder zu verwerfen, außer Frage gestellt werden. Und dies um so mehr, als die von den Possibilisten vorgeschriebene Art der Mandatsprüfung es tatsächlich in ihre Hand legt, nur die von ihnen gewählten französischen Delegierten zuzulassen. Man erinnere sich nur, wie sehr nahe verschiedene englische sozialistische Delegierte zum Londoner Kongreß daran waren, von einem Geschäftsordnungskomitee, in welchem die englischen Trades Unions bloß die Mehrheit gegenüber den Ausländern hatten, ausgeschlossen zu werden. Und nicht nur haben die Possibilisten gerade in Paris ihren Hauptanhäng, sondern sie beabsichtigen auch, von dem Pariser Gemeinderat einen Beitrag von 50 000 Franken zu den Kosten des Kongresses zu erlangen, über welche Summe sie die Verfügung haben würden.

So beschloß die Haager Konferenz denn einstimmig folgende Resolution:

„Die Unterzeichneten laden die Föderation der sozialistischen Arbeiter Frankreichs“ (dies der offizielle Name der Possibilistischen Partei) „ein, unter Bezugnahme auf das ihr von dem Londoner Kongreß von 1888 übertragene Mandat, den Pariser Internationalen Kongreß gemeinsam mit den sozialistischen und Arbeiterorganisationen Frankreichs und der übrigen Länder, einzuberufen.

Diese Einberufung, welche von allen Vertretern der Arbeiter- und sozialistischen Organisationen zu unterzeichnen, ist alsdann so schnell als möglich den Arbeitern und Sozialisten Europas und Amerikas mitzuteilen.

Die Einberufung soll erklären:

1. daß der Pariser Internationale Kongreß vom 14. bis zum 21. Juli 1889 tagen wird;
2. daß er allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Länder offensteht unter Zulaßbedingungen, die den politischen Gesetzen, unter denen sie leben, angepaßt sind;
3. daß der Kongreß in bezug auf die Mandatsprüfung und die Festsetzung der Tagesordnung souverän ist.

Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:
a) Internationale Arbeitergesetzgebung; gesetzliche Regulierung des Arbeitstages (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).
b) Überwachung der Fabriken und Werkstätten wie der Hausindustrie.
c) Mittel und Wege, diese Maßregeln zu erlangen.

Im Haag, den 28. Februar 1889.

Die Delegierten für Deutschland: A. Bebel, W. Liebknecht.
"    "    " die Schweiz: A. Reichel, H. Scherrer.
"    "    " Holland: F. D. Nieuwenhuis, L. Croll.
"    "    " Belgien: Ed. Anseele, J. Volders.
"    "    " Frankreich: Paul Lafargue."

So machte die Konferenz den Possibilisten jede denkbare Konzession. Unter Ausschluß ihrer französischen Rivalen wurde, in Übereinstimmung mit der Londoner Resolution, ihnen die Vorbereitung und Organisation des Kongresses überlassen. Alles was man von ihnen verlangte, war, daß sie eine gemeinsam verabredete Einladung erlassen sollten, die ebenfalls von allen übrigen interessierten Parteien zu unterzeichnen wäre und 1. das Datum des Kongresses, 2. die allgemeinen Zulaßbedingungen, und 3. die Souveränität des Kongresses in bezug auf seine Tages- und Geschäftsordnung feststellte. Indem sie alle Organisationen, die sie unterzeichnen, bindet, ist diese gemeinsame Einladungsform das beste, das einzige Mittel, den wahrhaft allgemeinen und internationalen Charakter des Kongresses zu sichern. Die vorgeschlagenen Zulaßbedingungen verhinderten eine Wiederholung der skandalösen Ausschließung von Delegierten aus Deutschland, Österreich und Rußland, infolge deren der Londoner Kongreß nur ein so unvollständiges Bild der proletarischen Bewegung unserer Zeit gab. Die Forderung, daß die Souveränität des Kongresses in bezug auf seine inneren Angelegenheiten ausdrücklich gesichert werden solle, war eine Notwendigkeit geworden, nachdem das Parlamentarische Komitee versucht hatte, einen Präzedenzfall zu schaffen und die Possibilisten es ihm nachgemacht hatten. Sie verlangte nur, was sich von selbst verstand, und nahm den Possibilisten auch nicht das kleinste Titelchen von dem, was der Londoner Kongreß ihnen übertragen. Denn weder wollte, noch konnte der Londoner Kongreß das Recht beanspruchen, irgend jemand in der Welt Vollmacht zum Erlaß von Satzungen zu geben, die für künftige Kongresse bindend wären.

Daß die Resolution im Haag nicht im hochfahrenden Gegensatz zum Londoner Kongreß gefaßt worden, beweist die Tatsache, daß zwei der Delegierten, die ihr zustimmten und sie unterzeichneten – Anseele von Gent und Croll vom Haag – 1888 in London nicht nur als Delegierte anwesend waren, sondern auch als Tagespräsidenten für das Ausland fungiert haben. Es geht ferner daraus hervor, daß sowohl die Deutschen, die in London ausgeschlossen, als diejenigen Franzosen, die daselbst nicht vertreten waren, bereit waren, die Possibilisten im Besitze aller Vollmachten zu lassen, die der Londoner Kongreß ihnen übertragen hatte und ihnen übertragen konnte. Was dieselben verlangen, ist einzig und allein, daß ihre eigene Zulassung unter gleichen Bedingungen gesichert werde und daß der Pariser Kongreß, einmal beisammen, über seine Interna selbst endgültig beschließen solle. Und dafür, daß sie es gewagt, in so versöhnlichem Geiste vorzugehen, wird die Haager Konferenz von der „Justice“ ein „Caucus“ genannt!

Die Possibilisten haben die ihnen dargebotene Hand ausgeschlagen. Sie wollen den Vertretern der Sozialisten des Auslands gestatten, mit ihnen die Einladungszirkulare zu unterzeichnen, aber kein französischer Sozialist, der nicht in ihren Reihen steht, soll unterzeichnen dürfen. Sie beanspruchen dergestalt, die einzige sozialistische Körperschaft in Frankreich zu sein, und verlangen, daß wir Ausländer sie als das anerkennen. Mehr noch, sie wollen nicht zugeben, daß der Kongreß als Körperschaft den Modus der Mandatsprüfung selbst bestimmt – die von den Possibilisten im voraus verkündeten Satzungen und Reglemente sind da, und der Kongreß hat sie gehorsamst hinunterzuschlucken.

Unter diesen Umständen ist es mit der Hoffnung, daß der im vorigen November in London beschlossene und den Possibilisten in die Hände gegebene Kongreß mehr als ein Scheinkongreß sein wird, zu Ende. Es bleibt abzuwarten, was die im Haag vertretenen Gruppen nun ihrerseits unternehmen werden; jedenfalls sind dieselben entschlossen, gemeinsam vorzugehen.

Vom „Sozialdemokrat“ sagt die „Justice“, er habe seit dem Londoner Kongreß „unablässig die Possibilisten bekrittelt und beschimpft“, und sie appelliert an alle unabhängige deutsche Sozialdemokraten, „sich mit uns zu einem ehrlichen Versuch zu vereinigen, dieser kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtzieherei ein Ende zu machen“.

Die „Justice“ hat Jahre hindurch in ihrer eigenen Weise die Reden und Handlungen deutscher Sozialdemokraten kritisiert, aber der „Sozialdemo-

krat" hat sich deshalb weder über „Krittelei und Schimpferei“, noch über „kleinliche und böswillige Zänkerei und Drahtzieherei“ beschwert. Wir Deutschen sind gewöhnt, eine unumwundene Kritik sowohl innerhalb unserer eigenen Partei als auch gegenüber den anderen Nationalitätsgruppen der proletarischen Bewegung zu üben. Wir wissen zu gut, daß es kein größeres Glück für unsere Feinde geben könnte, als diese Bewegung in eine gegenseitige Beweihräucherungsgesellschaft oder eine gegenseitige Versicherungsgesellschaft für Agitatoren verwandelt zu sehen. Wir sind daher nicht so zartbesaitet, die Attacken der „Justice“ nicht ohne Zucken ertragen zu können. Ebensowenig aber sind wir nach England gekommen, um das Recht der Kritik aufzugeben, das wir einem Bismarck gegenüber hochgehalten und das durch ruhmvolle Revolutionen gesichert zu haben mit Recht der Stolz des englischen Volkes ist. Wir werden uns daher die Freiheit nehmen, da, wo wir es für notwendig halten, über die „Zänkereien und Drahtziehereien“ französischer und – jawohl – auch englischer Sozialisten unsere Meinung offen herauszusagen.

Die Possibilisten haben seit einiger Zeit eine politische Haltung beobachtet, die nichts weniger als die allseitige Zustimmung der Sozialdemokraten anderer Länder gefunden hat; aber ihre Haltung bei dem letzten Wahlkampf in Paris ist in der Tat gar nicht zu verteidigen. Unter dem Vorwand, die Republik vor Boulanger zu retten, haben sie sich mit den korruptesten Elementen des Bourgeois-Republikanismus verbündet, mit den Opportunisten, die zehn Jahre lang Frankreich ausgesogen, um sich zu bereichern. Sie agitierten und stimmten für einen Regierungskandidaten, einen kapitalistischen Spritfabrikanten, „einen schlechten Kandidaten, den französischen John Jameson“ („Justice“ vom 19. Januar 1889), und als ein sozialistischer Arbeiter, Boulé, der den neulichen großen Erdarbeiterstreik organisiert –, beiden, Boulanger und Jacques, gegenübergestellt wurde, stimmten sie in den Bourgeois-Chorus ein: „Nur keine Spaltung innerhalb der großen republikanischen Partei!“ – denselben Ruf, der in England mehr als einmal von der großen liberalen Partei gegen Kandidaten ausgestoßen wurde, die von der „Justice“ aufgestellt worden. Als ob man nicht Boulanger wirksamer bekämpfte, wenn man den Arbeitern Gelegenheit gibt, für einen eigenen Vertreter zu stimmen, statt sie vor die Alternative zu stellen, entweder für Boulanger zu stimmen oder für einen Vertreter jener Kapitalisten, deren Gier, den Reichtum Frankreichs in ihre Taschen zu praktizieren (wie dies von Herrn Hyndman in der „Justice“ vom 2. Februar 1889 sehr gut dargelegt worden), Boulanger erst zu dem gemacht, was er ist.

Um der „Justice“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: sie hat dieses Verhalten der Possibilisten nicht verteidigt, noch ihr „etwas bedenkliches Bündnis mit der Bourgeois-Partei“ („Justice“ 28. Januar), aber sie hat ihren Lesern auch nicht gesagt, daß das Organ der Possibilisten, das „Parti Ouvrier“, in seinem Eifer gegen die Boulangisten lärmend für Zwangsmaßregeln gegen diese „ungeheuerliche Preßfreiheit“(1) und wider das Versammlungsrecht eingetreten ist. Die „Justice“ hat dies und den Kampf für den Arbeiterkandidaten, sowie die Tatsache, daß er trotz alledem 17 000 Stimmen erhielt, ihren Lesern nach Kräften vorenthalten. Und weil wir uns über dieses schimpfliche Verhalten der Possibilisten offen aussprachen, wird uns von einem Blatt Kritelei und Schimpferei, böswilliges Zanken und Drahtzieherei vorgeworfen, das die Aufführung seiner eigenen possibilistischen Freunde selbst nicht zu verteidigen wagt.

Die Sache ist die, daß die Possibilisten in diesem Augenblick im vollen Sinn des Worts eine Regierungspartei – ministerielle Sozialisten – sind und die Wohltaten einer solchen Stellung einheimsen. Während der Kongreß von Bordeaux von den Behörden verboten und von der Polizei auseinandergejagt und seine Abhaltung nur dadurch möglich wurde, daß er im Stadthaus einer Nachbargemeinde, deren Maire revolutionär gesinnt, Obdach fand, während der Kongreß von Troyes wiederholt von der Polizei überfallen wurde, um das Entfalten der roten Fahne zu verhindern – Dinge, die die Possibilisten in ihren Blättern weder tadelten, noch auch nur erwähnten – sind diese „hochrespektabeln“ Sozialisten die Vertrauten des Charles Warren von Paris. Und sie haben denn auch nicht nur nicht protestiert, sondern direkt Beifall geklatscht, als die Pariser Behörden die von den unabhängigen Sozialisten und Fachvereinen eingeleitete Demonstration für den Achtstundenarbeitstag verboten.

So wird, wenn es dahin kommt, daß in diesem Jahr zwei Kongresse in Paris abgehalten werden, der eine derselben nicht nur unter dem Schutz, sondern geradezu unter der Gönnerschaft der Polizei stehen. Er wird von der Regierung, von der Departementalbehörde, vom Gemeinderat von Paris geliebkost werden, gefeiert und feierlich bewirtet werden. Er wird aller Begünstigungen teilhaftig werden, welche auf die offiziellen ausländischen Gäste der Bourgeois-Republik herabregnen.

Der andere wird von der republikanischen Ehrbarkeit gemieden, von den Behörden streng überwacht werden und in der Tat froh sein können, wenn man es ihm überläßt, für sich selbst zu sorgen. Denn, wenn Engländer ihn besuchen sollten, kann es ihnen passieren, daß sie sich mitten in Paris plötzlich wieder auf Trafalgar Square befinden.

7
Brief an die Redaktion des „Labour Elector“

Da Sie sich offenbar ständig für die Fragen interessieren, die mit dem bevorstehenden Internationalen Arbeiterkongreß zusammenhängen, hoffe ich, daß Sie einem Franzosen und Mitglied der sogenannten Organisation der französischen Marxisten (Agglomération Parisienne) gestatten werden, einige Worte als Antwort auf ein Zirkular zu sagen, das im Bulletin der Pariser Arbeitsbörse veröffentlicht und in englischer Sprache im „Justice“ vom 27. April wiedergegeben worden ist.

Die Pariser Arbeitsbörse ist heute eine durch und durch possiblistische Institution. Die Possibilisten haben mit Hilfe der opportunistischen und radikalen Mitglieder des Pariser Munizipalrats sich ihrer bemächtigt, und jede Gewerkschaft, die es wagt, sich offen possiblistischen Prinzipien und Taktiken zu widersetzen, wird sofort ausgeschlossen. Das obenerwähnte Zirkular ist daher, obwohl es im Namen von 78 Pariser Gewerkschaften herausgegeben wurde, genausogut ein possiblistisches Erzeugnis, als wenn es vom Komitee der Possibilisten selbst herausgebracht worden wäre.

Dieses Zirkular ruft „alle Organisationen der Arbeiterklasse Frankreichs, ohne Unterschied der Schattierungen republikanischer oder sozialistischer Meinung“ auf, an dem Possibilisten-Kongreß teilzunehmen. Nun, das klingt recht gut. Und da unsere Sektion der französischen Sozialisten die Possibilisten aus der Provinz vollständig vertrieben hat, so daß sie nicht wagten, ihrem eigenen Kongreß in Troyes beizuwohnen, sobald sie hörten, daß wir zugelassen wären, und da unsere Organisationen in der Provinz bei weitem zahlreicher sind als alle possiblistischen Organisationen in ganz Frankreich, würden wir zweifellos sogar in diesem Possibilisten-Kongreß die Majorität an französischen Delegierten haben, wenn eine richtige Grundlage der Vertretung gesichert wäre. Aber da liegt gerade die Schwierigkeit. Das possiblistische Komitee hat einen Haufen von Anordnungen für den Kongreß herausgebracht, aber diesen wichtigsten Punkt niemals erwähnt. Niemand weiß, ob jede Gruppe einen, zwei oder mehr Delegierte entsenden soll oder ob die Zahl der Delegierten nach der Zahl der Mitglieder in jeder Gruppe bestimmt werden soll. Da aber die Possibilisten anerkanntermaßen am stärksten in Paris sind, könnten sie zwei oder drei Delegierte für jede Gruppe entsenden, wo wir in unserer Einfalt nur einen schicken. Sie können so viele Delegierte produzieren, wie es ihnen beliebt. Sie haben sie in Paris leicht zur Hand und brauchen sie nur zu benennen. Und so kann die französische Sektion des Kongresses bei aller scheinbaren Redlichkeit in eine kompakte Clique von Possibilisten verwandelt werden, die uns behandeln können, wie sie wollen, falls wir nicht die Möglichkeit haben, einen Appell an den Kongreß zu richten.

Allein aus diesem Grunde könnten wir nicht die Souveränität des Kongresses hinsichtlich all seiner internen Belange aufgeben, wenn überhaupt dieses erste und fundamentale Prinzip aufgegeben werden könnte. Man hat, wie ich glaube, in London noch nicht ganz vergessen, daß das Parlamentarische Komitee im vergangenen November sehr klar zu verstehen gab, daß es den Raum gemietet hätte und daß der Kongreß dort nur von seinem Wohlwollen abhängig sei – und wir wünschen nicht, daß sich das in Paris wiederholt.

Geschrieben Ende April 1889.
Nach: „The Labour Elector“, Vol. I, Nr. 18 vom 4. Mai 1889.
Aus dem Englischen.

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Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongreß
14. bis 21. Juli 1889

Aufruf an die Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas

[„Der Sozialdemokrat“
Nr. 19 vom 11. Mai 1889]

Im Oktober 1888 fand in Bordeaux ein nationaler Kongreß statt, auf dem mehr als 200 Arbeiter-Syndikatskammern und Fachgruppen vertreten waren. Dieser Kongreß beschloß, daß während der Ausstellung ein Internationaler Kongreß in Paris abgehalten werden möge.

Der gleiche Beschluß wurde von dem nationalen Kongreß gefaßt, der im Dezember 1888 in Troyes stattfand und auf dem alle Fraktionen der sozialistischen Partei Frankreichs vertreten waren.

Der vom Kongreß von Bordeaux ernannte Nationalrat und die vom Kongreß von Troyes ernannte Exekutivkommission wurden beauftragt, sich zu verständigen, um gemeinsam den Internationalen Kongreß zu organisieren und alle Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas, welche die Emanzipation der Arbeit erstreben, ohne Unterschied der Fraktion hierzu einzuladen. Das geschah.

Am 28. Februar [1889] fand im Haag eine Internationale Konferenz statt, auf der die sozialistischen Parteien Deutschlands, der Schweiz, Belgiens, Hollands und Frankreichs durch Delegierte vertreten waren. Die Sozialistische Liga Englands und Dänemarks ließen sich entschuldigen und erklärten im voraus, daß sie sich den gefaßten Beschlüssen anschließen werden.

Die Konferenz im Haag beschloß:

1. Der Pariser Internationale Kongreß soll vom 14. bis 21. Juli 1889 tagen.

2. Er soll allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Länder offenstehen, unter Zulaßbedingungen, die den politischen Gesetzen, unter denen dieselben leben, angepaßt sind.

3. Der Kongreß soll in bezug auf die Prüfung der Mandate und Festsetzung der Tagesordnung souverän sein.

Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:

a) Internationale Arbeitergesetzgebung; gesetzliche Regulierung des Arbeitstages (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).

b) Überwachung der Fabriken und Werkstätten wie der Hausindustrie.

c) Mittel und Wege, diese Maßregel zu erlangen.

Demgemäß, um dem Mandat nachzukommen, welches uns die Kongresse von Bordeaux und Troyes auferlegt haben und um den von der Haager Konferenz gefaßten Beschlüssen zu entsprechen:

1. Berufen wir den Internationalen Kongreß nach Paris ein, der abgehalten werden soll am 14.–21. Juli 1889.

2. Die Tagesordnung desselben ist die von der Haager Konferenz festgesetzte.

3. Wir laden die sozialistischen und Arbeiterorganisationen Europas und Amerikas zu diesem Kongreß ein, der die Grundlagen schaffen soll zu einem Bund aller Arbeiter und aller Sozialisten beider Welten.

Wir haben in Paris eine Exekutivkommission eingesetzt, die mit der endgültigen Organisation des Internationalen Kongresses und der Vorbereitung des Empfangs der ausländischen Delegierten beauftragt ist.

Wir senden den Arbeitern und Sozialisten der Welt unsern brüderlichen Gruß.

Es lebe die Internationale Emanzipation der Arbeiter!

Für den Nationalrat in
Bordeaux:
Der Generalsekretär R. Lavigne
16 Rue Sullivan.
Für die Exekutivkommission
in Troyes:
Der Generalsekretär G. Batisse

Die Pariser Exekutivkommission:

Für die Föderation der Pariser Syndikatskammern:
Boulé, Besset, Féline, Monceau, Roussel

Für die sozialistischen Organisationen von Paris:
Vaillant, Guesde, Deville, Jaclard, Crépin, Lafargue

Für die sozialistische Gruppe des Pariser Gemeinderats:
Daumas, Longuet, Chauvière, Vaillant, Gemeinderäte

Für die sozialistische Gruppe der Deputiertenkammer:
Ferroul, Planteau, Abgeordnete

Adressen:

Sekretär für das Inland: Besset, Bureau de la Cordonnerie, Bourse du Travail, Paris, Rue J.J.Rousseau.
Sekretär für das Ausland: Paul Lafargue, Le Perreux, Paris, Banlieue.


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Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889

II. Eine Antwort auf das
„Manifest der Sozialdemokratischen Föderation“

Dieses in der „Justice“ vom 25. Mai 1889 veröffentlichte Manifest behauptet, der Welt „nackte Wahrheiten“ über den obengenannten Kongreß zu verkünden. Die Leute, die sich für diese „nackten Wahrheiten“ verantwortlich fühlen, sind: „Das Internationale Komitee der Sozialdemokratischen Föderation“ und „Der Generalrat der Sozialdemokratischen Föderation“. Wir erfahren nicht, wer die Personen sind, aus denen sich diese beiden Körperschaften zusammensetzen. Es werden keinerlei Namen genannt, und das ist seltsam genug, wenn man bedenkt, daß die Verfasser endlose Klagen über den „geheimen caucus4“ im Haag vorbringen, deren Mitglieder bei keiner Gelegenheit ihre Namen der öffentlichen Kenntnisnahme vorenthielten. Aber ein Rat oder ein Komitee der Sozialdemokratischen Föderation scheint etwas zu sein, das über allen Verstand geht. Es mag einigen noch im Gedächtnis sein, daß am 23. Oktober 1888 der Generalrat der Sozialdemokratischen Föderation mit sieben Stimmen gegen zwei einen scharfen Tadel für Herrn Hyndman beschloß, weil er die „Justice“ „prostituiert“ habe, ein Beschluß, der von Herrn Hyndman mit äußerster Miß achtung behandelt wurde („Justice“, 27. Oktober 1888), den er eine „erschlichene Abstimmung“ nannte und bald darauf durch eine gleich große oder noch größere Majorität umstoßen ließ. Danach ist es kein Wunder, daß derselbe Generalrat keine Namen nennt, sogar auf die Gefahr hin, selbst ein „geheimer caucus“ genannt zu werden; ebenso kann es danach wirklich nicht mehr viel bedeuten, ob diese Namen bekanntgegeben werden oder nicht.

Das Manifest beginnt folgendermaßen:

„Der Beschluß einer Sektion unsrer sozialistischen Genossen in Frankreich – die im Verein mit andren handeln, die nicht Sozialisten sind –, einen Kongreß in Paris abzuhalten, der zu dem von unsren Genossen der possiblistischen Partei einberufenen und organisierten in Gegensatz steht, fordert eine Feststellung der Wahrheit seitens der Sozialdemokratischen Föderation, der bei weitem größten und mächtigsten sozialistischen Organisation in Großbritannien.“

Wer die Parteien sind, „die nicht Sozialisten sind“, ist ebenso im dunklen gelassen wie die Namen derer, die diese Feststellung treffen. Es ist daher unmöglich zu prüfen, inwieweit es eine „nackte Wahrheit“ ist oder nicht. Aber eine solche Feststellung, die, wenn sie nicht als eine Verleumdung gedacht ist, gar nichts bedeutet, klingt ziemlich überraschend aus dem Munde der Organe einer Assoziation, die in Angriff und Verteidigung der engste Verbündete jener Possibilisten ist, die es niemals fertiggebracht haben, einen Kongreß ohne die Hilfe „andrer, die nicht Sozialisten sind“, zustande zu bringen. Ihre erste Konferenz in Paris 1883 war von außerhalb fast ausschließlich von den Führern der englischen Trade-Unionisten, geleitet von Herrn Broadhurst persönlich, besucht; und Herr Broadhurst war entzückt von den Reden, die dort gehalten, und von den Resolutionen, die angenommen wurden. Ihre zweite Konferenz war ebenfalls zum großen Teile von dem gleichen Element besucht, und der Londoner Kongreß 1888 wurde tatsächlich vom Parlamentarischen Komitee des Gewerkschaftskongresses einberufen, dessen Mitglieder, wie jedermann weiß, „nicht Sozialisten sind“, sondern das genaue Gegenteil.

Aber lassen wir das ruhen. Die Verfasser benutzen die Gelegenheit, um uns daran zu erinnern, daß die Sozialdemokratische Föderation die „bei weitem größte und mächtigste sozialistische Organisation in Großbritannien“ ist. Diese Information ist nun Woche für Woche, fast sechs Jahre lang, in jeder Nummer der „Justice“ wiederholt worden, und doch gibt es Menschen, die moralisch so verkommen sind, an der Größe und der Macht der Sozialdemokratischen Föderation zu zweifeln, ja, die sogar behaupten, daß diese Beteuerungen ihrer Größe und Macht an Häufigkeit, Heftigkeit und Aufdringlichkeit gerade dann und im selben Verhältnis zunehmen, wie die wahre Größe und Macht der Sozialdemokratischen Föderation im Schwinden begriffen ist. Sie weisen darauf hin, daß die „Justice“ um die Jahreswende ihren Umfang „nur während der Feiertage“ um nicht weniger als die Hälfte reduziert hat, diese Feiertage sind jedoch noch nicht vorüber. Einige, die es wissen müßten, behaupten, daß die Auflage dieser Zeitung von 4000 auf knapp ein Drittel davon zusammengeschrumpft ist; daß es Zweiggesellschaften der Föderation gibt, die nicht einmal pro forma Zusammenkünfte durchführen, und daß es große Industriestädte gibt, in denen auch nicht ein Exemplar der Zeitung gelesen wird. Berichte, wie der über die Boltoner Zweiggesellschaft („Labour Elector“ vom 28. Mai 1888) – ein Bericht, der nicht anonym wie unser Manifest, sondern von acht Mitgliedern unterzeichnet ist –, neigen stark dazu, diese Behauptungen zu bestätigen. Was auch immer zugunsten der Kriegslist gesagt werden mag, die eigenen Kräfte vor dem Feinde zu übertreiben, so kann es doch keine Meinungsverschiedenheit über ihren Wert geben, wenn sie dazu benutzt wird, seinem eigenen Verbündeten und Genossen Sand in die Augen zu streuen, und es ist nicht zuviel gesagt, daß man mit der Laterne des Diogenes wird suchen müssen, ehe man im Vereinigten Königreich einen einzigen Menschen findet, der von dieser gewohnten Prahlerei der Sozialdemokratischen Föderation getäuscht worden ist.

Es tut mir leid, daß ich so von einer Organisation sprechen muß, die viel Gutes getan hat, die noch sehr viel mehr tun könnte und die über ausgezeichnete Elemente verfügt. Aber solange sie es zuläßt, so „geleitet“ zu werden wie augenblicklich, wird sie niemals auch nur der Schatten von dem sein, was sie zu sein vorgibt.

Die Verfasser stellen ferner fest, daß sie keine Mühe gescheut haben, um eine Verständigung herbeizuführen, aber da dies nutzlos gewesen sei, beschränkten sie sich jetzt darauf, „die nackten Tatsachen bekanntzugeben, die niemals bestritten worden sind“. Diese nackten Tatsachen sind vierzehn an der Zahl.

1. „Die Possibilistische Partei Frankreichs ... wurde von dem Internationalen Trade-Union-Kongreß in Paris 1886 ermächtigt, einen internationalen Arbeiterkongreß in Paris 1889 einzuberufen. Die Deutschen waren auf diesem Pariser Kongreß von 1886 durch Grimpe vertreten.“

Diese „nackte Tatsache“ ist in der Tat unbestritten, abgesehen davon, daß das Meeting von 1886 damals als eine einfache „Konferenz“ bezeichnet wurde; um ihm aber mehr Autorität zu verleihen, wird es jetzt in einen ordentlichen „Kongreß“ umgewandelt. Und es gibt die wichtige Auslassung, daß Grimpe nicht für diesen Beschluß stimmte; seine Anwesenheit auf der Konferenz kann daher keineswegs in eine Zustimmung „der Deutschen“ zu dem den Possibilisten gegebenen Mandat ausgeweitet werden.

2. „Das Parlamentarische Komitee der englischen Trade-Unions schloß höchst unfair und ungerecht die Deutschen und Österreicher von jeder Vertretung auf dem Internationalen Trade-Union-Kongreß in London 1888 aus. Daraufhin bezeichneten die Deutschen den Kongreß als einen Rumpfkongreß, und Bebel, Liebknecht und andre, die den jetzigen Gegenkongreß in Paris organisieren, riefen alle anderen Nationalitäten auf, dem Londoner Kongreß fernzubleiben, da sie von ihm ausgeschlossen waren."

Soweit einverstanden.

3. „Der Internationale Trade-Union-Kongreß in London 1888 wurde dennoch abgehalten und war erfolgreich. Die besonderen Verbündeten der parlamentarischen deutschen Sozialisten in Frankreich, die sogenannten Marxisten oder Guesdisten, waren durch Farjat vertreten. Dieser Kongreß ermächtigte einstimmig die Possibilisten, einen internationalen Arbeiterkongreß in Paris für 1889 einzuberufen und zu organisieren. Farjat stimmte mit den übrigen dieser Resolution zu; die Belgier, vertreten durch Anseele, und der Holländer5 stimmten ebenfalls zu. Anseele wie Croll gingen trotzdem zu dem Haager caucus!"

Es ist nicht korrekt zu sagen, daß Farjat „die sogenannten Marxisten oder Guesdisten“ vertrat. Farjat war vom französischen Gewerkschaftskongreß delegiert worden, der einige Tage vor dem Londoner Kongreß in Bordeaux eröffnet wurde. Die 250 lokalen Gewerkschaften, die in Bordeaux von 63 Delegierten vertreten wurden, können nur dann als „Marxisten oder Guesdisten“ bezeichnet werden, wenn mit diesem Namen alle französischen Arbeiter gemeint sind, die nicht Possibilisten sind. Jener Kongreß von Bordeaux beschloß gleichfalls einstimmig, „einen internationalen Arbeiterkongreß in Paris 1889 einzuberufen und zu organisieren“; er tat das einige Tage bevor der Londoner Kongreß seinen Beschluß faßte. Da aber die in Bordeaux vertretenen Leute samt und sonders von den Possibilisten geschmäht und als Feinde behandelt worden waren, konnte es ihnen niemals einfallen, dieselben Possibilisten zur Einberufung dieses Kongresses zu ermächtigen; und es ist deshalb einfach absurd zu sagen: „Farjat stimmte dieser Resolution zu.“ Nicht weniger absurd ist die Behauptung, daß die „Marxisten“ durch diese Zustimmung Farjats, die niemals gegeben wurde, gebunden seien; die, wenn sie gegeben worden wäre, nur irrtümlich hätte erfolgt sein können und deshalb nicht einmal den hätte binden können, der sie gab.

Daß Anseele und Croll, die für die oberwähnte Londoner Resolution gestimmt hatten, trotzdem „zu dem Haager caucus“ gegangen sein sollten, wird tatsächlich jedem unbegreiflich sein, der die „nackten Wahrheiten“ und „unbestrittenen Tatsachen“ unsres Manifests gelten läßt. Aber der Anhang zu dieser Antwort6 wird zeigen, daß es Anseele und Croll nicht nur für notwendig gehalten hatten, nach dem Haag zu gehen, sondern sich auch von dem Possibilisten-Kongreß überhaupt zu distanzieren und die Einberufung des Gegenkongresses zu unterstützen, und nicht nur Anseele und Croll, sondern auch andere Londoner Delegierte und gemeinsam mit ihnen die ungeheure Mehrheit der Vertreter des europäischen Sozialismus. Ihnen allen waren die „nackten Wahrheiten“ des Manifests seit langem bekannt, und doch – so ist nun einmal die der menschlichen Natur innewohnende Bosheit – wurden sie zu einem Schluß getrieben, der dem von den Organen der Sozialdemokratischen Föderation mit soviel Eifer vorgebrachten gerade entgegengesetzt war.

4. „Nach diesen beiden aufeinanderfolgenden Mandaten handelnd, gingen die Possibilisten, die bei weitem die stärkste sozialistische Partei in Frankreich sowohl in Paris (wo sie 50 000 Stimmen erhielten) wie in der Provinz sind, pflichtgemäß daran, einen internationalen Arbeiterkongreß für Ende Juli 1889 einzuberufen und zu organisieren.“

Die Possibilisten erhielten bei den Gemeindewahlen tatsächlich ungefähr 50 000 Stimmen, von denen viele ihren Opponenten, den Kollektivisten (den sogenannten Marxisten) gehörten, die großzügig genug waren, über Differenzen in einzelnen Sektionen, wo immer möglich, hinwegzusehen. Aber zu sagen, daß die Possibilisten „bei weitem die stärkste sozialistische Partei in Frankreich sowohl in Paris wie in der Provinz“ seien, ist eine glatte Lüge. Die Possibilisten haben selbst in Paris, das bekanntermaßen ihre Hochburg ist, seit ihrer offenen Allianz nicht nur mit den bürgerlichen Radikalen, sondern auch mit den Opportunisten – jener Partei der Börsenspekulanten, welche die gegenwärtige Korruption offizieller Kreise in Frankreich verkörpern – einen Teil ihres Bodens verloren. Die Tatsache, daß die Possibilisten unter dem Vorwand, Boulanger zu bekämpfen, sich mit eben den Männern verbrüderten, deren Vergehen im Amt allein Boulangers Popularität bewirkt und Hunderttausende aller Klassen haben rufen lassen: „Lieber Boulanger, lieber den Teufel selber als dieses blutsaugerische Korruptionssystem!“ – diese Tatsache war vielen ihrer aufrichtigen Anhänger zuviel; und als sie bei der Januarwahl den Bourgeois Jacques unterstützten (der im Gemeinderat stets gegen jeden Beschluß gestimmt hatte, der für die Arbeiterklasse günstig war) und tatsächlich den Kandidaten der Arbeiterklasse, Boulé, bekämpften, da vermehrten sich die Anzeichen der Unzufriedenheit in ihren Reihen. Einer ihrer Sprecher, Reties, der, als er Jacques auf einem Meeting verteidigte, von Arbeitern, Anhängern Boulés, heftig mit Zwischenrufen bombardiert wurde, verließ schließlich wütend das Podium und rief: „Ja! Ich werde für Jacques stimmen, aber ich werde mich an denen rächen, die mich diese Niederträchtigkeit begehen lassen!“ Und Boulé erhielt in der Tat trotz der fanatischen Opposition der Possibilisten 18 000 Arbeiterstimmen.

Danach ist es nicht verwunderlich, wenn die Possibilisten-Partei in Paris Zeichen des Auseinanderfallens aufweist. Die Gruppe des 14. Wahlbezirks von Paris wurde am 16. April vom Rat der Delegierten gegen den Protest von nur zwei Delegierten ausgeschlossen; aber als am 23. April Allemane verlangte, zwei Mitglieder zu veranlassen, gewisse Briefe auszuliefern, die sonst sehr unliebsam gegen einige der Führer benutzt werden konnten, wurde der Antrag sechsundzwanzig Gruppen zur Abstimmung vorgelegt. Nun protestierten fünfzehn Gruppen, und drei enthielten sich der Stimme. Die Hauptorganisationen des 13. Wahlbezirks verließen daraufhin die Föderation und erklärten:

„Die Verbündeten Ferrys, Clemenceaus und Rancs haben überhaupt kein Recht mehr, Anspruch auf Zugehörigkeit zu einer Partei zu erheben, die ihre Wurzeln im Klassenkampf sieht. Sie sind der Partei dadurch abtrünnig geworden, daß sie die Pflichten verraten haben, die sie der Arbeiterklasse gegenüber übernommen hatten; sie sind heute nichts anderes als Stützen der Herrschaft der Bourgeoisie.“

Und obwohl das erst ein Anfang ist, so besteht doch kein Zweifel, daß sogar in Paris die Herrschaft der possiblistischen Führer ernsthaft erschüttert ist.

Was die Provinz angeht, so ist es nicht nur keine „nackte Wahrheit“, keine „unbestrittene Tatsache“, sondern eine einfach lächerliche Behauptung zu sagen, daß dort die Possibilisten „bei weitem die stärksten“ seien. In allen großen Städten und Industriezentren Frankreichs stehen die sozialistischen Organisationen außerhalb dieser Föderation und ihr feindlich gegenüber. Zum Beispiel Lyon (5 sozialistische Munizipalräte), Marseille (1 sozialischer Departementsrat), Roubaix (2 Munizipalräte), Armentières (5 Munizipalräte), Montluçon (2 Munizipalräte), Commentry (der ganze Munizipalrat und der Bürgermeister Sozialisten), Calais (2 Munizipalräte), Lille (4000 sozialistische – nicht possiblistische – Stimmen bei der letzten Gemeindewahl), Bourges, Vierzon, Roanne, Bordeaux, Narbonne, Alais etc. etc. Nicht einer dieser Munizipal- und Departementsräte ist ein Possiblist. Alle diese Städte sind unstreitig in den Händen ihrer Opponenten, soweit eine sozialistische und Klassenorganisation der Arbeiter in Frage kommt.

Tatsächlich haben die Possibilisten seit einigen Jahren nicht gewagt, ihre Gesichter in der Provinz zu zeigen. 1887 mußten sie, um einen Ort zu finden, wo sie mit einigem Erfolg ihren nationalen Kongreß abhalten konnten, auf eine abgelegene kleine Stadt in den Ardennen zurückgreifen, welche die meisten Menschen nicht auf der Landkarte finden werden; und im vergangenen Winter, als sie ihren Kongreß nach Troyes einberufen hatten, wo sie der örtlichen Vertretung der Arbeiter sicher zu sein glaubten, erklärte das lokale Komitee, daß der Kongreß diesmal tatsächlich und nicht nur dem Anschein nach allen sozialistischen und Arbeiter-Organisationen Frankreichs offenstehen würde. Als die aufgeblasenen Koryphäen der Possibilisten in Paris gewahr wurden, daß dies ernst gemeint war, gaben sie lieber ihren eigenen Kongreß auf, als den Kollektivisten und Blanquisten zu begegnen, die jetzt nach Troyes kamen und den von den Possibilisten einberufenen Kongreß abhielten, den diese, de facto von jenen besiegt, verlassen hatten.

Also ist die „nackte Wahrheit“, daß die Possibilisten bei weitem die stärksten seien, genau so zu bewerten wie die helltönenden Trompetenstöße des Manifests über die Größe und Macht der Sozialdemokratischen Föderation.

Aber stark oder nicht stark, sie waren „verpflichtet, den Kongreß nach Paris einzuberufen“.

Das bringt uns auf die Frage, wieweit wohl die Befugnisse der Possibilisten in dieser Beziehung reichen.

Die Pariser Konferenz von 1886 war international so schwach besucht – so weit davon entfernt, repräsentativ zu sein –, daß ihre Resolution eher einem Wunsche gleichkommt; sie konnte bestenfalls für jene bindend sein, die dafür gestimmt hatten, das sind die Possibilisten und die englischen Trade-Unionisten. Letztere warfen die Pariser Beschlüsse auf ihrem nächstfolgenden Kongreß in Hull über Bord. Was nun übrigbleibt ist also, daß 1886 in Paris die Possibilisten sich selbst ermächtigten, für 1889 einen Kongreß nach Paris einzuberufen.

Kommen wir nun zum Londoner Kongreß.

Der Londoner Kongreß war kein allgemeiner Arbeiterkongreß, er war ein Kongreß der Trade-Unions, von den Trade-Unions einberufen und grundsätzlich alles andere als Trade-Unionisten ausschließend. Wie die Beschlüsse eines solchen Kongresses für Arbeiter verbindlich sein können, die nicht Trade-Unionisten sind, oder für Sozialisten als Ganzes, ist mir ein Geheimnis. Ein Trade-Unions-Kongreß kann einen anderen Trade-Unions-Kongreß einberufen, aber nichts weiter. Einen Arbeiterkongreß einzuberufen, überschreitet seine Befugnisse; daß er es tat, kann unser aller Sympathien haben, da es ein Sieg über überlebte trade-unionistische Vorurteile ist; aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Einberufung die Kompetenz des Kongresses überschritt und daher nur die Kraft eines Wunsches hat.

Ohne Zweifel war auch der Kongreß in Bordeaux ein reiner Gewerkschaftskongreß; und insoweit ist sein Beschluß, einen internationalen Arbeiterkongreß einzuberufen, in gleichem Maße ungültig. Aber dieser Beschluß wurde im Dezember danach von dem Sozialistenkongreß von Troyes bestätigt, gegen dessen Beschlüsse selbst die Possibilisten gerechterweise nichts einwenden können, denn sie haben ihn selber einberufen, und wenn sie ihm fernblieben, so war das ihr eigener Fehler.

Daß der absichtliche Ausschluß der Delegierten von Deutschland und Österreich – Länder, die etwa ebenso viele Sozialisten umfassen wie die des übrigen Europa zusammengenommen – diesen Kongreß zu einem Rumpfkongreß machte, das ist eine „nackte Wahrheit“ und wirklich eine „unbestrittene Tatsache“; selbst das Manifest bestreitet es nicht, es beschwert sich nur darüber, daß ihn die Deutschen so genannt haben – daß sie das Ding beim rechten Namen nannten.

Dieser Rumpfkongreß (dessen Minderheit übrigens der sozialistischen Sache in England einen großen Dienst erwiesen hat) handelte überdies unter Zwang. Bei der ersten ernsten Unstimmigkeit zwischen den englischen Shipton-Anhängern unter den Trade-Unionisten und den Sozialisten erklärten die Shipton-Anhänger durch den Mund Shiptons selbst, daß sie, wenn es so weiter ginge, den Kongreß schließen würden und daß sie dazu die Macht hätten, weil sie den Raum gemietet hätten. Den Sozialisten wurde so von Anfang an zu verstehen gegeben, daß sie sich in der Lage der irischen tenants-at-will7 befänden und daß ihr Shipton-Landlord bereit sei, seine Ausweisungsvollmacht, wenn nötig mit Hilfe der bewaffneten Kräfte Ihrer Majestät, zu gebrauchen.

Die Sozialisten fügten sich, und sie taten unter den Umständen gut daran; aber sie unterließen es, einen formalen Protest einzulegen, und das war ein Fehler. Sie haben jedoch noch nicht vergessen, welcher Behandlung sie sich infolge zu großen Vertrauens ausgesetzt hatten, und sie sind, wie der Anhang zeigt, entschlossen, das nicht noch einmal zuzulassen.

Dann hatte das Parlamentarische Komitee eine Reihe von Regeln und Instruktionen für den Kongreß vorbereitet, durch die sie die Sozialisten zu knebeln und zu unterdrücken hofften. Bestätigungen von Mandaten, Geschäftsordnung, Abstimmungsmodus, tatsächlich die ganze Art und Weise des Ablaufs war vorher von den Shipton-Anhängern festgelegt worden und wurde den Teilnehmern des Kongresses immer mit der Drohung sofortiger Auflösung aufgezwungen. Der Londoner Kongreß war in seiner Tätigkeit nicht frei, nicht mehr als ein Arbeiter, der mit einem Kapitalisten einen Arbeitskontrakt schließt, oder der irische Bauer, der drei oder vier acres von einem zu Wucherpreisen verpachtenden Landlord nimmt und entweder dessen Bedingungen annehmen oder verhungern muß. Es ist schimpflich genug, daß ein unter solchen Bedingungen abgehaltener Kongreß in den Annalen der Arbeiterbewegung erscheint; aber daß noch ein Kongreß unter den gleichen oder ähnlichen Bedingungen veranstaltet werden sollte – niemals!

Trotz alledem heizte die sozialistische Minderheit des Kongresses der Majorität der Shipton-Anhänger so ein, daß das Parlamentarische Komitee davon genug hatte. Sie behandelte öffentlich die Kongreßbeschlüsse und vor allem den Beschluß über den Pariser Kongreß lediglich als Makulatur.

Das durch den Londoner Kongreß den Possibilisten gegebene Mandat war also hinfällig, 1. weil es von einem Trade-Unions-Kongreß erteilt worden war, der nicht berechtigt war, Arbeiter außerhalb der Trade-Unions und ganz allgemein Sozialisten zu binden; 2. weil der Londoner Kongreß durch den Ausschluß der Deutschen etc. ein Rumpfkongreß wurde; 3. weil er in seiner Tätigkeit nicht frei war; 4. weil dieselben Leute, die den Kongreß einberufen und seine Majorität gebildet hatten, die ersten waren, die das Mandat verwarfen.

Ich wäre überhaupt nicht auf diese Diskussion eingegangen, wenn uns die Possibilisten und ihre Verbündeten von der Sozialdemokratischen Föderation nicht dauernd das Mandat des Londoner Kongresses als etwas Heiliges und Unantastbares vor Augen gehalten hätten. Dieses Mandat soll über allem stehen; es soll als etwas Selbstverständliches den vorausgegangenen Beschluß des Kongresses von Bordeaux umstoßen, der seitdem von dem Kongreß in Troyes bestätigt wurde; es soll nicht nur diejenigen binden, die dort waren und dafür abgestimmt haben, sondern auch diejenigen, die nicht dort waren, und sogar die, die willkürlich ausgeschlossen worden waren. Und wenn solche Ansprüche erhoben werden, wird es zur Pflicht, sie auf ihren wirklichen Wert zu untersuchen.

In der Tat wurde das Londoner Mandat, obwohl es im Grunde ungültig ist und obwohl es ein sichtbarer Schlag ins Gesicht der übrigen französischen Sozialisten und des Kongresses von Bordeaux war – ein Schlag, der von den meisten derer, die für das Londoner Mandat gestimmt hatten, unwissentlich ausgeteilt wurde –, dieses Mandat wurde, wie wir sehen werden, mit äußerster Rücksicht von denen behandelt, die an seiner Beratung nicht teilgenommen hatten, und wäre in letzter Instanz praktisch von allen akzeptiert worden, wäre nicht das skrupellose Vorgehen der Possibilisten selbst gewesen.

Das erste Zirkular, womit die Possibilisten den Kongreß einberiefen, zeigte, daß sie nicht nur die Methode, durch die das Parlamentarische Komitee den Londoner Kongreß gebunden hatte, nicht übernahmen, sondern daß sie diese willkürliche Handlung als einen Präzedenzfall ansahen und für sich selbst die gleichen Befugnisse forderten, wie sie sich das Parlamentarische Komitee angemaßt hatte. Sie schrieben die Geschäftsordnung, den Abstimmungsmodus und die Überprüfung der Mandate vor, wobei diese Überprüfung bei jeder Nationalität getrennt vorgenommen werden sollte. Nicht ein Wort wurde gesagt, daß alles dies nur provisorisch und Gegenstand der Zustimmung durch den Kongreß sein würde.

Nun, der Londoner Kongreß konnte den Possibilisten keinerlei Befugnisse übertragen, die sie nicht selbst besaßen. Kein Kongreß, gleich welcher Art, kann Beschlüsse annehmen, die nicht von einem nachfolgenden Kongreß widerrufen werden könnten. Deshalb war der Londoner Kongreß nicht berechtigt, die Possibilisten zu ermächtigen, Regeln und Anordnungen festzulegen, durch die der Pariser Kongreß gebunden werden sollte. Noch tat er desgleichen. Aber die Possibilisten beanspruchten dieses Recht. Es war dieser schamlose Anspruch seitens der Possibilisten, der zu all den folgenden Differenzen und Debatten Anlaß gab, und ihre Weigerung, klar und unmißverständlich diesen Anspruch aufzugeben, führte zu der Spaltung und zu den zwei Kongressen. Die Mehrheit der europäischen Sozialisten lehnt es ab, ein zweites Mal – und diesmal mit offenen Augen – in eine Falle zu gehen.

Was umstritten ist, ist also nicht so sehr das Londoner Mandat – darüber wäre man leicht hinweggekommen – als der Gebrauch, den die Possibilisten davon gemacht haben, ihr Anspruch, Gesetze zu machen, die für den Kongreß verbindlich sein sollen und so die willkürliche Handlung des Parlamentarischen Komitees über den Londoner Kongreß zu einem Präzedenzfall zu machen, der für alle kommenden Kongresse bindend sein soll.

5. „Dem widersetzten sich die Marxisten, obgleich sie durch Farjats Stimme gebunden waren, und beeinflußten die Deutschen, sich zu widersetzen, weil die Possibilisten, wie sie sagten, beabsichtigten, ihre Opponenten auszuschließen und den Kongreß für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Diese Beschuldigung wurde erhoben, obgleich die Possibilisten niemals irgendeine Sektion der Sozialisten von irgendeinem vorhergehenden Kongreß ausgeschlossen haben und niemals der geringste Beweis dafür beigebracht worden ist, daß sie beabsichtigten, es bei dieser Gelegenheit zu tun. Die Einladungen schlossen alle sozialistischen Körperschaften ein.“

Der wesentliche Teil dieser „nackten Wahrheit“ ist bereits widerlegt worden. Aber die Behauptung, daß „die Possibilisten niemals irgendeine Sektion von Sozialisten von irgendeinem vorhergehenden Kongreß ausgeschlossen haben und niemals der geringste Beweis dafür beigebracht worden ist, daß sie beabsichtigten, es bei dieser Gelegenheit zu tun“, ist entweder eine erstaunlich wissentliche Unwahrheit oder ein Beweis dafür, daß unsere Verfasser über Dinge sprechen, von denen sie auch nicht das geringste verstehen. Auf dem dritten Regionalkongreß der Föderation des Zentrums (Frankreichs) im Mai 1882 hatten die Possibilisten erklärt, daß der Kongreß allen Sozialisten offenstünde. Aber als dreißig Delegierte der Kollektivisten (sogenannte Marxisten) erschienen, die sich auf diese Erklärung verließen, wurden sie unbarmherzig ausgewiesen unter dem lächerlichen Vorwand, daß sie durch die Annahme der Bezeichnung „Fédération du Centre“ in einen unfairen Wettstreit mit der possiblistischen „Union Fédérative“ eingetreten wären. Und als auf dem achten Regionalkongreß dieser Union, 1887, zwölf Delegierte der Kollektivisten erschienen, gemäß der immer wiederholten Versicherung, daß alle Sozialisten eingeladen wären, wurden sie ausgepfiffen und niedergeschrien und mußten den Kongreß verlassen, und ein Beschluß wurde gefaßt, daß „die Marxisten niemals zu irgendeinem ihrer Kongresse zugelassen werden sollten“. Und besser noch, als 1888 das lokale Komitee, das mit der Organisation des possiblistischen nationalen Kongresses in Troyes betraut war, die ständige Phrase von der Zulassung aller Sozialisten wahr zu machen drohte, verließen die Possibilisten, wie wir gesehen haben, lieber ihren eigenen Kongreß, als daß sie ihre prahlerischer Versicherung ausgeführt sahen.

Nach alledem ist es kein Wunder, wenn die Kollektivisten überzeugt waren, daß „die Possibilisten beabsichtigten, sie auszuschließen und den Kongreß für ihre eigenen Zwecke auszunutzen“.

Beilagen

6. „Auf jeden Fall wurde von Lafargue, Guesde und anderen Marxisten, die in Übereinstimmung mit den Deutschen der Reichstag Party8 und ihren Freunden handelten, eine Konferenz in Nancy einberufen. Zu dieser Konferenz wurden die Possibilisten als letzte von allen, eine Woche bevor die Konferenz stattfinden sollte, eingeladen."

Die Konferenz in Nancy wurde von den Deutschen einberufen und nicht von Lafargue, der im Gegenteil sowohl gegen die Zeit als auch gegen den Ort Einwendungen machte und sein Bestes tat, ihr Zustandekommen zu verhindern, worin er Erfolg hatte. Die Possibilisten wurden nicht „als letzte von allen eingeladen“, sondern zur gleichen Zeit wie alle anderen. Somit ist die „nackte Wahrheit“ Nr. 6 ein Lügengewebe; aber selbst wenn alles wahr wäre, was würde es denn beweisen?

7. „Die beabsichtigte Konferenz in Nancy fand nicht statt, aber statt dessen wurde eine Konferenz im Haag einberufen. Auch zu dieser Konferenz wurden die Possibilisten als letzte von allen eingeladen. In Erwiderung auf die Einladung schrieben sie Briefe, in denen sie mehrere sehr wichtige Fragen stellten. Diese Briefe wurden niemals beantwortet, und die Konferenz fand unverzüglich ohne ihre Teilnahme statt.“

Wieder ist die Behauptung, daß die Possibilisten als letzte von allen eingeladen wurden, eine Unwahrheit. Sie wurden zur gleichen Zeit eingeladen wie alle anderen; so unwichtig die Sache an sich ist, haben wir doch besondere Nachfragen hierüber angestellt. Die Konferenz war für den 28. Februar einberufen worden, und auf der Beratung ihres Nationalkomitees am 17. Februar waren die Possibilisten nicht nur im Besitz der Einladung, sondern auch der Antwort Liebknechts auf ihre Briefe, die „mehrere sehr wichtige Fragen“ enthielten, Briefe, die nach dem Manifest „niemals beantwortet wurden“. Sie behaupten ihrerseits, daß Liebknecht „ihre Fragen über die Tagesordnung der Konferenz nicht beantwortete“.(2) Er teilte ihnen, wie ich informiert bin, mit, daß diese auf der Konferenz selbst beantwortet werden würden. In eine weitschweifige Korrespondenz über die Präliminarien einzutreten und damit die Konferenz selbst bis nach dem Kongreß hinauszuschieben, das hätte zwar den Possibilisten passen können. Es konnte aber denen nicht passen, die sich ernsthaft bemühten, eine für alle Parteien ehrenhafte Vereinbarung zustande zu bringen. Immerhin blieben die Possibilisten daraufhin zu Hause, und infolge ihres Nichterscheinens mußte die Konferenz in der Tat ohne ihre Teilnahme abgehalten werden.

8. „Diese Konferenz wurde abgehalten, ohne daß irgendein Vertreter aus Großbritannien, Italien, Spanien und mehreren anderen Ländern zugegen war. Die Sozialdemokratische Föderation war nicht einmal informiert worden, daß sie einberufen werde. Nur diejenigen waren eingeladen worden, die als den Possibilisten feindlich gesinnt bekannt waren. Lafargue selber war der einzige Vertreter Frankreichs, obwohl er einen viele Jahre anhaltenden erbitterten Streit mit den Possibilisten hatte! Die vollständigen Sitzungsberichte der Konferenz wurden nicht veröffentlicht und sind niemals veröffentlicht worden.

9. „Eine solche Konferenz wie diese war offensichtlich nichts als ein caucus, der, wie wir fürchten, zu keinem guten Zweck einberufen wurde. Unser verehrter Genosse Domela Nieuwenhuis stellt, wie wir zu unserem tiefen Bedauern sagen müssen, in einem Briefe an die Sozialdemokratische Föderation fest, daß von vornherein beabsichtigt war, diese Konferenz geheim durchzuführen.“

Da die Haager Konferenz von den Deutschen einberufen wurde, luden sie jene ausländischen Sozialisten ein, mit denen sie korrespondierten: Holländer, Belgier, Dänen, Schweizer und die beiden französischen Parteien, zwischen denen sie zu vermitteln hatten. Die Sozialistische Ligue wurde, in der Person von W. Morris, von Lafargue eingeladen, und in derselben Weise hätten die Possibilisten die Sozialdemokratische Föderation einladen können; auf alle Fälle wußte hier in London niemand, weder wer eingeladen, noch wer nicht eingeladen worden war, noch wer berechtigt war, überhaupt jemanden einzuladen. Es ist eine Unwahrheit zu sagen, daß nur diejenigen eingeladen wurden, die als den Possibilisten feindlich gesinnt bekannt waren. Die Belgier haben seit Jahren in freundlichen Beziehungen zu ihnen gestanden und zeigten auf ihrem Nationalkongreß letzte Ostern, daß sie sehr abgeneigt waren, irgend etwas zu tun, was ihnen mißfallen könnte. Und die Holländer, Dänen und Schweizer waren ihnen sicherlich nicht feindlich gesinnt, auf keinen Fall waren sie „bekannt es zu sein“. Wenn Lafargue zufällig der einzige Vertreter Frankreichs war, so war niemand deswegen zu tadeln als die Possibilisten, die der Einladung nicht gefolgt waren. Es ist nicht wahr, daß Lafargues „erbitterter Streit mit den Possibilisten, der viele Jahre anhielt“, ein persönlicher Streit war. Lafargue, Guesde, Deville und eine große Gruppe von Sozialisten und Gewerkschaften trennten sich von der Mehrheit der Partei, weil letztere ihr eigenes Programm verwarf und es vorzog, eine Partei zu gründen, die überhaupt kein Programm hatte.

Die einzige wahre Tatsache in den Paragraphen 8 und 9 ist, daß die Konferenz „geheim“ war insoweit, als sie nicht öffentlich war. Die Öffentlichkeit und die Presse waren gewiß nicht eingeladen. Wenn die Sitzungsberichte für die Possibilisten „geheim“ waren, so einfach deshalb, weil sie es für besser gehalten hatten, nicht teilzunehmen. Aber die Konferenzbeschlüsse wurden zu dem ausdrücklichen Zweck gefaßt, ihnen mitgeteilt zu werden und wurden unverzüglich durch Volders mitgeteilt. Was bleibt also von dem streitsüchtigen Geknurre über eine „geheime“ Konferenz, die auf alle Fälle nicht halb so „geheim“ war wie die Beratungen der beiden mysteriösen Körperschaften, die für das Manifest verantwortlich sind? Nicht nur die Beschlüsse, soweit sie die Öffentlichkeit interessieren, sondern auch die Namen der Delegierten sind der Welt bekannt. Es würde sicherlich ein höchst lächerliches Verfahren gewesen sein, die Vertreter der Presse zu einer Konferenz einzuladen, die sich bemühte, zwischen zwei in Opposition einander gegenüberstehenden sozialistischen Gruppen zu vermitteln.

10. „Durch diesen caucus, der hinter verschlossenen Türen stattfand, wurde eine Reihe von Resolutionen angenommen, gegen die keine ernsthaften Einwände zu erheben sind. Volders wurde jedoch nach Paris gesandt, um diese Beschlüsse den Possibilisten aufzuzwingen, als ob sie die Dekrete eines Ökumenischen Konzils wären, und Bernstein in London schrieb im gleichen Tone. Die Briefe der deutschen Führer, die wir hoffentlich nicht gezwungen sein werden zu veröffentlichen, sind auch in einem sehr bitteren und sehr anmaßenden Tone geschrieben und drohen mit einem Gegenkongreß, wenn ihre Befehle nicht sofort ausgeführt würden.“

Nach all den finsteren Andeutungen von einer abgekarteten Konferenz und einem geheimen caucus ist der Leser tatsächlich berechtigt, einige aufsehenerregende Enthüllungen zu erwarten über die schändlichen Mißstände und die schrecklichen Verbrechen dieser Versammlung von Verschwörern, die, „wie wir fürchten, zu keinem guten Zweck zusammengerufen“ wurde. Und was ist das Ende vom Lied? Die Leute im Haag nahmen „eine Reihe von Resolutionen an, gegen die im Prinzip keine ernsthaften Einwände zu erheben sind“! Haben das Internationale Komitee und der Generalrat der Sozialdemokratischen Föderation jeden Sinn für Lächerlichkeit verloren?

Unsere Verfasser sollten versuchen, diese Resolutionen so schnell wie möglich zu übergehen. Enthalten sie doch weit mehr Zugeständnisse, als die Possibilisten jemals erwarten konnten. Die Deutschen, die von dem Londoner Kongreß ausgeschlossen worden waren, die französischen Kollektivisten, die von ihm ignoriert worden sind, beide boten an, das Londoner Mandat zu akzeptieren, ließen zu, daß dadurch die Resolutionen von Bordeaux und Troyes verworfen werden, und ließen die Einberufung und Organisierung des Kongresses in den Händen der Possibilisten, vorausgesetzt, daß die Possibilisten klar und unmißverständlich jeden Anspruch aufgaben, diesem Kongreß verbindliche Vorschriften zu machen und ihn „für ihre eigenen Zwecke auszunutzen“. Immerhin ist es ein bemerkenswertes Zugeständnis, daß selbst das Manifest in den Haager Beschlüssen keinen Fehler finden kann.

Nun gut! Aber es sind gar nicht die Resolutionen schlechthin, die verderblich sind, sondern die Art, in der sie den Possibilisten aufgezwungen werden. Und hier wieder beginnt das Fabulieren. Volders ist entsandt worden, „um den Possibilisten diese Entscheidungen aufzuzwingen“. Volders, der geschickt wurde, weil er von allen Haager Delegierten der einzige war, der aufs eifrigste für sie Partei ergriffen hatte! Und bezüglich dessen, was „Bernstein schrieb“, so bindet es niemanden als ihn selbst, wie die Verfasser des Manifests mittlerweile wissen sollten, und obwohl ich nicht das Recht habe, in ihrem Namen zu sprechen, bin ich doch überzeugt, daß die „deutschen Führer“ mich nicht verleugnen werden, wenn ich die Sozialdemokratische Föderation und ihre Pariser Verbündeten auffordere, irgendwelche Briefe, die sie von ihnen haben mögen, zu veröffentlichen.

Die Haager Beschlüsse liegen der Welt vor, und die Possibilisten wurden informiert, falls sie diese Beschlüsse nicht akzeptierten, die auf der Konferenz vertretenen Organisationen einen anderen Kongreß einberufen werden, der nur der in Bordeaux und Troyes beschlossene sein könnte. Das mag den Possibilisten „sehr bitter und sehr anmaßend“ erscheinen, aber es war der einzige Weg, um sie zur Vernunft zu bringen, wenn das überhaupt möglich ist.

Und jetzt kommt die Perle, der Kohinoor des Manifests geradezu.

11. „Die Possibilisten akzeptierten dennoch jede der so angenommenen und ihnen so unterbreiteten Resolutionen.“

12. „Trotz dieser Zustimmung und der Tatsache, daß der von den Possibilisten einberufene Kongreß souverän über seine eigene Geschäftsordnung verfügen kann und immer verfügt hätte, trotz der Tatsache, daß alle Streitfälle von beiden Seiten dem ganzen Kongreß zur Entscheidung und Beilegung vorgelegt werden können, haben die Anhänger des Haager caucus jetzt einen zweiten Kongreß in Paris einberufen.“

Die Haager Delegierten hatten erklärt, daß sie bereit wären, sich dem Possibilisten-Kongreß unter zwei Bedingungen anzuschließen: Erstens, daß die Possibilisten den Kongreß im Einvernehmen mit den sozialistischen und Arbeiter-Organisationen Frankreichs und anderer Länder einberufen, von denen Delegierte die Einladung zusammen mit den Possibilisten unterzeichnen sollten. Diese Bedingung wurde jedoch von den Possibilisten glatt zurückgewiesen, alle anderen könnten unterzeichnen, aber keine von den rivalisierenden französischen Sektionen. Wenn die Verfasser des Manifests das nicht wissen, mögen sie sich an den Herausgeber der „Justice“9 wenden, der hierüber genauestens orientiert ist.

Die zweite Bedingung war, daß der Kongreß vollständig souverän sein sollte, soweit es die Überprüfung der Mandate und die Festlegung seiner Tagesordnung anbelangt. Auch das haben die Possibilisten nie akzeptiert, weder „in der Praxis“ noch sonstwo. Sie haben zuerst die Überprüfung der Mandate für jede Nationalität getrennt vorgeschrieben. Als die andere Seite erklärte, daß die Entscheidung über diesen Punkt dem Kongreß als Ganzem vorbehalten bleiben müsse, erwiderten die Possibilisten, daß Ausnahmefälle dem Kongreß überlassen werden könnten; kein Wort der Erklärung, was unter Ausnahmefällen zu verstehen sei. Nein, sie feilschen weiter darum, welche Rechte der Kongreß haben sollte und welche nicht, und erst als das Zirkular, das den „Gegenkongreß“ einberief, in ihren Händen ist, sehen sie sich schließlich genötigt, klar und mit vielen Worten festzustellen, daß in allen Fällen, in denen Mandate von einer Nationalität bestritten würden, eine Entscheidung des Kongresses herbeigeführt werden sollte. Hätten sie das zu rechter Zeit zugegeben, dann wäre eine Verständigung über die Hauptschwierigkeit möglich gewesen; jetzt ist es natürlich zu spät.

Dieselben Ausflüchte wurden von ihnen hinsichtlich der Tagesordnung gebraucht. Sie sahen sich nicht als Personen an, die damit beauftragt waren, vorläufige Anordnungen und Vorschläge zur Erleichterung der Arbeit des Kongresses auszuarbeiten, die dann vom Kongreß selbst bestätigt würden oder nicht. Im Gegenteil, sie handelten als Träger mysteriöser und praktisch unbegrenzter Vollmachten über den künftigen Kongreß, von denen sie einen Teil aus bloßer Gefälligkeit aufgeben könnten, um ausländische Organisationen zu verpflichten, die ihrerseits ihre verbleibenden Ansprüche auf Autorität über den Kongreß anerkennen sollten. Man braucht sich nur ihre allerletzten Resolutionen vom 13. Mai anzusehen, als ihnen das Zirkular mit der Einberufung des Gegenkongresses vorlag (siehe „Justice“ vom 25. Mai). Hier handeln und feilschen sie weiter mit den Dänen um die Geschäftsordnung, als ob die Dänen oder sie ein Recht hätten, eine Sache zu entscheiden, die allein zur Kompetenz des Kongresses gehört. Und gnädig akzeptieren sie einen Vorschlag des englischen Trade-Union Protest Committee, daß eine Reihe Bestimmungen für die Einberufung und Organisation künftiger Kongresse auf die Tagesordnung gesetzt werden soll. Wobei die „Justice“ naiv hinzufügt, daß, selbst wenn noch irgendwelche Beschwerden vorliegen sollten, „unsere deutschen und anderen Genossen sie dieses eine Mal zurückstellen sollten“. Kommt uns „nur dieses eine Mal“ entgegen, und nächstes Mal könnt ihr ganz nach Belieben verfahren – wirklich, ein sehr verlockender Vorschlag, aber bedauerlicherweise ist dieses Spiel im vergangenen Jahre in London versucht worden, und „für dieses eine Mal“ war es einmal zuviel.

Ein Wort seitens der Possibilisten würde genügt haben, eine Einigung herbeizuführen: das eine Wort „provisorisch“, „Der Bestätigung durch den Kongreß vorbehalten“, eingefügt in all ihre Regeln und Instruktionen. Aber gerade das konnte trotz aller Bemühungen nicht erreicht werden, und so wurde der zweite Kongreß zu einer Notwendigkeit für alle jene, die es ablehnten, ein zweites Mal von Shipton unter Druck gesetzt zu werden.

Jetzt, da ein großer Teil dieser Diskussion in den Spalten der „Justice“ geführt worden ist, können die Leute, die im Namen der Sozialdemokratischen Föderation Erklärungen im Sinne des Punktes 12 abgeben, entweder ihr eigenes offizielles Organ nicht gelesen haben, oder sie sagen etwas, von dem sie wissen, daß es nicht den Tatsachen entspricht.

unpassende und ungeeignete Zeit für die Abhaltung eines Arbeiterkongresses in Paris überhaupt verurteilte. Das geschah fernerhin, obgleich Anseele in einem Brief an die Sozial[d]emokratische[n] F[öderation] feststellte, daß, sollte ein zweiter Kongreß abgehalten werden, er im September stattfände, und Liebknecht behauptete, daß er entweder in diesem oder im nächsten Jahre stattfinde.

Was dies anbelangt, so scheinen die Haager Delegierten den Possibilisten ein positives und verbindliches Versprechen gegeben zu haben, ihren Kongreß nicht im Juli, sondern „im September“ oder „entweder in diesem oder dem nächsten Jahr“ abzuhalten. Nun, die dritte Juliwoche ist sicherlich „in diesem Jahr“, und so ist auch jetzt Liebknecht zumindest schuldlos. Es wäre langweilig für unsere Leser, eine Diskussion über diese kindischen Klagen zu beginnen. Ich kann jedoch feststellen, daß die Zeit vom 14. bis 21. Juli erstens auf das einmütige Verlangen der Franzosen gewählt wurde, und zweitens, weil die einzige Möglichkeit, noch eine Verschmelzung der beiden Kongresse zustande zu bringen, wenn so etwas überhaupt möglich sein sollte, darin besteht, sie dahin zu bekommen, Seite an Seite zu sitzen.

14. „Die Hauptanstifter des Haager caucus und des Gegenkongresses in Paris sind Lafargue, Guesde, Frau Eleanor Marx-Aveling (deren Schwester, eine Tochter von Karl Marx, Lafargue geheiratet hat), Bernstein (Herausgeber des ‚Sozialdemokrat‘), Bebel und Liebknecht. Friedrich Engels stimmt ihrem Vorgehen vollständig zu.

Hier ist wenigstens – und endlich! – etwas Wahres an dieser letzten „nackten Wahrheit“. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß die Schwester von Frau Eleanor Marx-Aveling eine Tochter von Karl Marx ist und mit Lafargue verheiratet ist; obgleich es nach dem, wie es unsere Verfasser hinstellen, so aussieht, als ob Frau Lafargue eine Tochter von Karl Marx sei und ihre Schwester nicht. Und wenn es wiederum eine platte Unwahrheit ist, wenn man sagt, daß Bernstein oder sonstwer in London in irgendeiner Weise „Anstifter der Haager Konferenz“ waren, mit deren Einberufung und Zusammensetzung sie absolut nichts zu tun hatten, so wird, denke ich, von keiner der obengenannten Personen bestritten werden, daß sie den „Gegenkongreß in Paris“ unterstützt haben – aber sie haben das erst von der Zeit an getan, als das Verhalten der Possibilisten eine solche Handlungsweise unvermeidlich machte. Die Verfasser des Manifests müssen wissen, daß Frau E. Marx-Aveling und Bernstein Anfang April mit Herrn Hyndman gesprochen haben, sobald der Ton der „Justice“ etwas weniger „bitter“ und „persönlich“ wurde, und versucht haben, ihn dafür zu gewinnen, bei der Schlichtung der bestehenden Schwierigkeiten mitzuhelfen, und daß Herr H[yndman] das versprochen hat.

Am Fuße des Manifests finden wir diese kleine Bemerkung:

„Das Obige wird auftragsgemäß in mehrere europäische Sprachen übersetzt und in allen Ländern verteilt werden.“

Die Unterschriften des Anhangs zeigen, daß der Fall praktisch in fast allen europäischen Ländern behandelt worden ist. Die große Mehrheit der Sozialisten auf dem Kontinent hat sich zugunsten des von den Kollektivisten und Blanquisten einberufenen Kongresses und gegen den von den Possibilisten einberufenen entschieden. England ist das einzige Land, wo die Meinung der Sozialisten und Arbeiter noch im allgemeinen geteilt ist. Diese Antwort wird daher in keine andere Sprache übersetzt werden.

Um zusammenzufassen:

1. Zwei Kongresse sind für 1889 nach Paris einberufen: der erste von dem französischen Gewerkschaftskongreß in Bordeaux, Oktober-November 1888, ist Weihnachten durch den französischen Sozialisten-Kongreß in Troyes bestätigt worden. Der zweite, etwa eine Woche später von dem Londoner Internationalen Trade-Union-Kongreß beschlossene, wird von den Possibilisten organisiert.

2. Eine Verschmelzung beider wäre auf sehr geringe Schwierigkeiten gestoßen, hätten nicht die Possibilisten in ihrem ersten Einladungszirkular Vollmachten beansprucht, die der Londoner Kongreß selbst nicht besaß und die er ihnen deshalb nicht übertragen konnte; Vollmachten, die internen Angelegenheiten des Kongresses zu regeln, im voraus den Modus der Prüfung der Mandate, die Tagesordnung, die ganze Geschäftsordnung vorzuschreiben; in der Tat dieselben Vollmachten, die das Parlamentarische Komitee auf dem Londoner Kongreß gefordert und ausgeübt hatte.

3. Da die damalige sowie gegenwärtige Handlungsweise der Possibilisten es den übrigen Sektionen der französischen Sozialisten absolut unmöglich macht, sich dem von ihnen einberufenen Kongreß anzuschließen, versuchten die deutschen sozialistischen Reichstagsabgeordneten, zwischen beiden Parteien zu vermitteln und dies mit Hilfe der führenden Männer der andren nationalen Arbeiterparteien, mit denen sie in Verbindung standen. Daher die Haager Konferenz (vom 28. Februar), gegen deren Beschlüsse selbst nach unserm Manifest „im Prinzip keine ernsthaften Einwendungen erhoben werden können“.

4. Durch diese Beschlüsse wurde das vom Londoner Kongreß den Possibilisten gegebene Mandat in vollem Umfange angenommen und bestätigt; nur unter der einzigen Bedingung, daß die letzteren ihren Anspruch, den künftigen Kongreß zu beherrschen, aufgeben sollten. Die Belgier, Holländer, Deutschen, Schweizer und selbst die nichtpossibilistischen Franzosen erklärten ihre Bereitschaft, zu dem von den Possibilisten einberufenen Kongreß zu kommen, vorausgesetzt, daß sie zu einem freien Kongreß kämen. Damit stellten sie also eine einzige Bedingung, aber das war eine Bedingung, die hätte selbstverständlich und niemals umstritten sein müssen.

5. Trotzdem weigern sich die Possibilisten, diese Beschlüsse zu akzeptieren und bieten in den folgenden Zirkularen rein verbale Zugeständnisse an, die in Wirklichkeit auf nichts hinauslaufen. Die Hauptsache – die Souveränität des Kongresses hinsichtlich all seiner internen Angelegenheiten – räumen sie nicht ein; Verhandlungen wurden ergebnislos bis Ende April weiter geführt.

6. Schließlich, da die Possibilisten es ablehnten, eine klare und bindende Antwort zu geben, die gegen eine Wiederholung der skandalösen Behandlung des Londoner Kongresses durch seine Einberufer Sicherheit gab, berufen die französischen Kollektivisten mit Zustimmung mehrerer nationaler Organisationen den in Bordeaux und Troyes beschlossenen Kongreß für den 14. Juli ein.

7. Die große Mehrheit der sozialistischen Organisationen und der sozialistischen Vertreter Europas stimmten diesem Kongreß, wie der Anhang zeigt, zu, da sie es ablehnen, der Welt zum zweiten Male das Schauspiel eines Arbeiterkongresses zu bieten, der nur geduldet wird und an Reglements gebunden ist, die ihm von seinen Einberufern aufgezwungen werden.

Das Londoner Mandat, das von der Haager Konferenz akzeptiert worden war, ist durch die Possibilisten selbst in Stücke gerissen worden, als sie es zum Vorwand für ihren Anspruch nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die Kontrolle und Leitung des künftigen Kongresses machten.

Und nun erlaube ich mir mit den Worten des Manifests zu sagen:

„Genossen und Mitbürger, das sind die Tatsachen. Es ist an euch, dafür zu sorgen, daß eurer Sache, der Sache der Arbeiter der Welt, nicht wissentlich Schaden zugefügt wird durch jene, die die ersten sein sollten, ihre persönlichen Eifersüchteleien zu unterdrücken um der Sache des Sozialismus willen.“

1. Juni 1889

Nach der Broschüre: „The International Working Men's Congress of 1889“.
Aus dem Englischen.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 21, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 510-543.