17
[Aufzeichnung der Rede von Karl Marx
über die Lage der Internationalen Arbeiterassoziation
in Deutschland und England]
[Aus dem Protokoll der Sitzung der Londoner Konferenz
der Internationalen Arbeiterassoziation vom 22. September 1871]
Sie wissen, daß die Organisation der Internationale in Deutschland nicht unter ihrem eigentlichen Namen existieren kann, da es laut Gesetz keiner lokalen Gesellschaft gestattet ist, sich einer ausländischen Gesellschaft anzuschließen. Aber die Assoziation existiert trotzdem und hat in diesem Lande eine außerordentliche Entwicklung genommen unter dem Namen Sozial-Demokratische Partei, die schon seit langem der Assoziation angehört. Auf dem Dresdener Kongreß ist der Anschluß erneut feierlich bestätigt worden. Es erübrigt sich also, für dieses Land irgendeine Maßnahme oder Erklärung vorzuschlagen, wie sie für jene Länder angenommen wurden, in denen die Assoziation verfolgt wird.
Marx bemerkt weiter, wenn er auch schlecht über die deutschen Studenten gesprochen habe, so könne er gegen die Arbeiter nichts dergleichen sagen. Während des kürzlichen Krieges, der zur Verschärfung des Klassenkampfes führte, ist die Haltung der deutschen Arbeiter über jedes Lob erhaben gewesen; überdies habe die Sozial-Demokratische Partei es recht gut verstanden, daß dieser Krieg von Bonaparte und Wilhelm mehr deshalb unternommen wurde, um die neuzeitlichen Ideen zu ersticken, als um der Eroberung willen. Das ganze Braunschweiger Komitee sei verhaftet1 und in eine Festung an der russischen Grenze gebracht worden, die meisten seiner Mitglieder befänden sich heute noch unter der Anklage des Hochverrats im Gefängnis. Bebel und Liebknecht, die Vertreter der deutschen Arbeiterklasse, haben nicht gezau dert, im Reichstag zu erklären, daß sie Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation sind, daß sie gegen den Krieg protestieren und daß sie sich weigern, für jedwede Kriegskredite zu stimmen. Die Regierung habe es nicht gewagt, sie mitten in der Sitzung verhaften zu lassen; erst beim Hinausgehen habe sich die Polizei ihrer bemächtigt und sie ins Gefängnis geschleppt.
Während der Kommune haben die deutschen Arbeiter in Versammlungen und in ihren Zeitungen unaufhörlich ihre Solidarität mit den Revolutionären von Paris bekräftigt. Und als die Kommune besiegt war, haben sie in Breslau eine Versammlung abgehalten, welche die preußische Polizei vergeblich zu verhindern suchte; auf dieser sowie auch auf anderen Versammlungen in verschiedenen Städten Deutschlands haben sie der Pariser Kommune begeistert zugestimmt. Schließlich seien beim triumphalen Einzug Kaiser Wilhelms und seiner Armee in Berlin diese Sieger vom Volke mit dem Rufe „Es lebe die Kommune!“ empfangen worden.2
Bürger Marx fügte hinzu, er habe, als er von England sprach, vergessen, folgendes zu sagen: Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß zu allen Zeiten zwischen den englischen und den irischen Arbeitern ein sehr starker Antagonismus bestand, dessen Ursachen übrigens sehr einfach aufzuzählen sind. Dieser Antagonismus hatte seinen Ursprung in der Verschiedenheit der Sprache und der Religion,3 sowie darin, daß die irischen Arbeiter den englischen Arbeitern im Arbeitslohn Konkurrenz machen. In England ist dieser Antagonismus das Hindernis für die Revolution und wird von der Regierung und den herrschenden Klassen geschickt ausgenutzt, die überzeugt sind, daß die englischen mit den irischen Arbeitern durch keine Bande zu vereinen seien. Es stimmt, auf politischem Gebiet würde eine Einigung unmöglich sein; aber auf ökonomischem Gebiet sieht die Sache anders aus; auf beiden Seiten können internationale Sektionen gebildet werden, die als solche gemeinsam dem gleichen Ziele entgegenschreiten müssen. Die irischen Sektionen werden bald sehr zahlreich sein.
Nach der Protokollaufzeichnung.
Aus dem Französischen.
18
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die geheimen Gesellschaften]
[Aus dem Protokoll der Sitzung der Londoner Konferenz
der Internationalen Arbeiterassoziation vom 22. September 1871]
Marx verliest folgenden Vorschlag: „In den Ländern, wo die regelmäßige Organisation der Internationalen Assoziation infolge von Regierungseinmischung augenblicklich unausführbar ist, kann die Assoziation, respektive ihre lokalen Gruppen, sich unter irgendwelchen andern Benennungen rekonstituieren. Aber alle geheimen Gesellschaften im eigentlichen Sinne des Wortes sind förmlich verboten.4
Unter einer geheimen Organisation sind keine geheimen Gesellschaften im eigentlichen Sinne des Wortes zu verstehen, die man im Gegenteil bekämpfen muß.
In Frankreich und Italien, wo eine derartige politische Lage besteht, daß das Versammlungsrecht eine strafbare Handlung ist, werden die Menschen sehr stark dazu neigen, sich in geheime Gesellschaften hineinzuziehen zu lassen, deren Resultat immer negativ ist. Im übrigen steht dieser Organisationstyp im Widerspruch zu der Entwicklung der proletarischen Bewegung, weil diese Gesellschaften, statt die Arbeiter zu erziehen, sie autoritären und mystischen Gesetzen unterwerfen, die ihre Selbständigkeit behindern und ihr Bewußtsein in eine falsche Richtung lenken.5
Marx ersucht um Annahme des Vorschlags.
Nach der Protokollaufzeichnung.
Aus dem Französischen.
19
[Beschluß des Generalrats über das Zentralkomitee der Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation in den Vereinigten Staaten von Amerika]
Beschluß des Ständigen Komitees
In Erwägung,
1. daß jede Sektion in Amerika das Recht hat, in dem New-Yorker Föderalkomitee für die Vereinigten Staaten vertreten zu sein, das dadurch den Charakter einer wirklich repräsentativen Körperschaft erhält;
2. daß die Organisation und der Fortschritt der Internationale in den Vereinigten Staaten in bedeutendem Maße dem New-Yorker Föderalkomitee zu verdanken sind;
3. daß weder in den Statuten der Assoziation noch in ihren besonderen Organisationsprinzipien für die Vereinigten Staaten etwas enthalten ist, das eine Sektion daran hindern könnte, innerhalb ihrer Nationalität den Einfluß der Internationale zu vergrößern, empfiehlt der Rat, daß das New-Yorker Zentralkomitee für die Vereinigten Staaten bestehen bleibt, bis die Ausdehnung der Internationale in Amerika die Einberufung aller Sektionen in den Vereinigten Staaten zur Wahl eines neuen Föderalkomitees erforderlich macht.
Nach dem Protokoll.
Aus dem Englischen.
20
[Brief von Jenny Marx an die Herausgeberin des „Woodhull & Claflin's Weekly“]
[„Woodhull & Claflin's Weekly“
Nr. 23/75 vom 21. Oktober 1871]
Madame,
der folgende Privatbrief (ursprünglich an einen Freund gerichtet) könnte von allgemeinem Interesse sein, wenn durch ihn etwas Licht auf das willkürliche Vorgehen der gegenwärtigen französischen Regierung geworfen wird, die unter größter Mißachtung der persönlichen Sicherheit und Freiheit nicht davor haltmacht, sowohl Ausländer als auch Franzosen unter Vorspiegelung völlig falscher Tatsachen zu verhaften.
Mein Schwager, Herr Lafargue, seine Frau und Kinder, meine jüngste Schwester und ich hatten die Monate Juni und Juli in Bagnères-de-Luchon verbracht, wo wir bis Ende September bleiben wollten. Ich hoffte, durch einen längeren Aufenthalt in den Pyrenäen und durch das tägliche Trinken des Mineralwassers, dem Luchon seine Berühmtheit verdankt, mich von den Nachwirkungen einer schweren Rippenfellentzündung zu erholen. Mais dans la République Thiers l'homme propose et la police dispose.6 Am 1. oder 2. August wurde Herr Lafargue durch einen Freund benachrichtigt, daß er täglich mit einem Besuch der Polizei in seinem Hause rechnen müsse; daß man ihn, falls man ihn antreffe, sicherlich unter dem Vorwand verhaften würde, er hätte während der Kommune Paris einen kurzen Besuch abgestattet, er hätte weiterhin die Rolle eines Emissärs der Internationale in den Pyrenäen gespielt, und last but not least7, weil er der Mann seiner Frau und demzufolge der Schwiegersohn von Karl Marx ist. In der Erkenntnis, daß unter der gegenwärtigen Advokaten-Regierung das Gesetz ein toter Buchstabe ist, daß ständig Menschen ohne jede Angabe von Gründen eingesperrt werden, folgt Herr Lafargue dem ihm gegebenen Rat, überschreitet die Grenze und läßt sich in Bosost, einer kleinen spanischen Stadt, nieder. Einige Tage nach seiner Abreise, am 6. August, besuchen Frau Lafargue, ihre Schwester Eleanor und ich Herrn Lafargue in Bosost. Frau Lafargue war der Meinung, daß ihr Söhnchen sich nicht wohl genug fühle, um Bosost am selben Tage wieder zu verlassen (sie war sehr besorgt um dieses Kind, weil es einige Tage vorher seinen Bruder verloren hatte), und beschloß, noch ein oder zwei Tage mit ihrem Gatten dazubleiben. Daher kehrten wir, meine Schwester Eleanor und ich, allein nach Luchon zurück.
Über die holprigen spanischen Straßen kamen wir ohne Zwischenfall nach Fos. Dort stellen uns die französischen Zollbeamten die üblichen Fragen und schauen in unsere Kutsche, um nachzusehen, ob Schmuggelware verborgen sei. Da wir nichts anderes als unsere Mäntel bei uns haben, sage ich dem Kutscher, er möchte weiterfahren, als plötzlich ein Individuum – kein anderer als der procureur de la République8, Monsieur le baron Desagarre – hervortritt und sagt: „Im Namen der Republik, folgen Sie mir.“ Wir verlassen unsere Kutsche und treten in einen kleinen Raum, wo wir uns einer abstoßend aussehenden Kreatur – einer sehr unweiblich aussehenden Frau – gegenübersehen, die darauf wartet, uns zu durchsuchen. Da wir nicht wünschen, daß uns diese grob aussehende Person berührt, schlagen wir vor, unsere Kleider selbst abzulegen. Doch davon will dieses Weib nichts hören. Sie eilt aus dem Zimmer und kommt bald zurück, gefolgt von dem procureur de la République, der in äußerst unhöflichem Ton zu meiner Schwester sagt: „Wenn Sie dieser Frau nicht gestatten, Sie zu durchsuchen, werde ich es tun.“ Meine Schwester antwortet: „Sie haben kein Recht, eine britische Staatsbürgerin anzurühren. Ich habe einen englischen Paß.“ Als wir jedoch merken, daß ein englischer Paß nicht viel gilt, und der Inhaber eines solchen Passes Monsieur le baron Desagarre nicht viel Respekt einflößt, denn es war ihm wohl mit seiner Drohung Ernst und er war im Begriff, seinen Worten Taten folgen zu lassen, lassen wir der Frau ihren Willen. Sie trennt sogar die Säume unserer Kleider auf und zwingt uns dazu, unsere Strümpfe auszuziehen. Mir kommt es vor, als fühle ich jetzt noch ihre spinnenartigen Finger durch mein Haar gleiten. Nachdem sie bei mir nur eine Zeitung und bei meiner Schwester einen zerrissenen Brief gefunden hat, rennt sie damit zu ihrem Freund und Spießgesellen Monsieur le baron Desagarre. Wir werden zu unserer Kutsche zurückgeführt – unser Kutscher, der während unseres Aufenthalts in den Pyrenäen unser „Führer“ gewesen war und uns sehr liebgewonnen hatte, wird mit Gewalt weggedrängt und durch einen anderen Kutscher ersetzt; zwei Offiziere nehmen in der Kutsche uns gegenüber Platz; und so fuhr man mit uns davon, während eine Wagenladung Zollbeamter und Polizeiagenten uns folgt. Nachdem man etwas später ohne Zweifel festgestellt hatte, daß wir schließlich doch nicht so gefährliche Subjekte sind, daß wir keine Anstalten machen, unsere Wachen zu ermorden, bleibt die Eskorte zurück, und die zwei Offiziere werden in unserer Kutsche als Bewachung belassen. So bewacht durchqueren wir ein Dorf nach dem anderen, fahren durch St. Béat, diese verhältnismäßig große Stadt, deren Einwohner zusammenlaufen und uns offenbar für Diebe oder zumindest für Schmuggler halten. Um 8 Uhr erreichen wir wie gerädert Luchon, fahren durch den Quinconces9, wo Hunderte Menschen versammelt sind, um den Klängen einer Kapelle zu lauschen – es war Sonntag und Hochsaison. Unsere Kutsche hält vor dem Haus des Präfekten, Monsieur le comte de Kératry. Da diese Person nicht zu Hause war, läßt man uns, immer noch bewacht, vor ihrer Tür mindestens eine halbe Stunde warten. Endlich wird der Befehl erteilt, uns zu unserem Haus zurückzubringen, das wir von Gendarmen umstellt vorfinden. Wir gehen sofort hinauf, um uns zu waschen und zu erfrischen (wir waren seit 5 Uhr morgens unterwegs gewesen), doch da ein Gendarm und ein Polizeiagent in Zivil uns sogar in unsere Schlafzimmer folgen, gehen wir, ohne uns erfrischt zu haben, wieder in den Salon, um auf die Ankunft des Präfekten zu warten. Es schlug 9 Uhr, 10 Uhr, Monsieur de Kératry erschien nicht – er lauschte der Musik der Kapelle im Quinconces und war, wie man uns sagte, entschlossen, so lange zu bleiben, bis die letzten Töne verklungen waren. Inzwischen füllt sich das Haus mit mouchards; sie kommen in das Zimmer, als ob es ihr eigenes wäre, machen es sich gemütlich, benutzen unsere Stühle und setzen sich auf das Sofa. Bald umringt uns eine bunte Menge von Polizeiagenten; es ist sofort zu merken, daß diese getreuen Diener der Republik ihre Lehrzeit unter dem Kaiserreich hinter sich haben – sie waren Meister ihrer ehrenwerten Profession. Sie greifen zu den unmöglichsten Tricks und Kniffen, um uns in ein Gespräch zu verstricken; doch als sie sahen, daß alle ihre Bemühungen vergebens sind, starrten sie uns an, wie nur „Professionelle“ starren können, bis schließlich um halb elf der Präfekt, flankiert vom procureur général Monsieur Delpéch, dem juge d’instruction10, dem juge de paix11, den Kommissaren von Toulouse und Luchon usw. auf der Bildfläche erscheint. Meiner Schwester wird befohlen, in einen Nebenraum zu gehen; der Kommissar von Toulouse und ein Gendarm begleiten sie. Mein Verhör beginnt. Ich weigere mich, irgendwelche Informationen über meinen Schwager und andere Verwandte und Freunde zu geben. Was mich selbst betrifft, so erkläre ich, daß ich in ärztlicher Behandlung bin und nach Luchon gekommen sei, um mich einer Brunnenkur zu unterziehen. Mehr als zwei Stunden lang wechseln die Ermahnungen und Überredungsversuche Monsieur de Kératrys einander ab, bis er mir schließlich droht: Wenn ich mich weiterhin weigere, als Zeugin auszusagen, so werde man mich als Komplizin betrachten. „Morgen“, sagte er, „wird das Gesetz Sie zwingen, Ihre Aussage unter Eid zu machen, denn ich muß es Ihnen sagen, Herr Lafargue und seine Frau sind verhaftet.“ Als ich dies hörte, erschrak ich sehr wegen des kranken Kindes meiner Schwester.
Schließlich ist meine Schwester Eleanor an der Reihe. Ich muß ihr den Rücken zukehren, während sie spricht. Man stellte mir einen Offizier gegenüber, um zu verhindern, daß ich irgendwelche Zeichen mache. Zu meinem Verdruß höre ich, wie man meine Schwester nach und nach dazu bringt, zahlreiche Fragen nur mit Ja oder Nein zu beantworten. Später fand ich heraus, mit welchen Mitteln man sie zum Sprechen gebracht hatte: Monsieur de Kératry hatte auf meine schriftliche Erklärung gedeutet (ich konnte seine Gesten nicht sehen, da ich ihm den Rücken zuwandte) und ihr das Gegenteil von dem versichert, was ich tatsächlich gesagt hatte. Da meine Schwester bemüht war, nichts Gegenteiliges zu sagen, widerlegte sie nicht die angeblich von mir gemachten Aussagen. Es wurde halb drei, ehe das Verhör beendet war. Man stelle sich vor: Ein junges sechzehnjähriges Mädchen, seit 5 Uhr früh auf den Beinen, neun Stunden unterwegs an einem sehr heißen Augusttag, das nur ganz früh in Bosost etwas zu sich genommen hatte, wird bis halb drei Uhr nachts einem Kreuzverhör unterzogen!
Den Rest dieser Nacht blieben der Kommissar von Toulouse und mehrere Gendarmen in unserem Hause. Wir gingen zu Bett, konnten aber nicht einschlafen, denn wir zerbrachen uns den Kopf, wie wir einen Boten nach Bosost senden könnten, um Herrn Lafargue zu warnen, wenn er noch nicht verhaftet sein sollte. Wir sahen aus dem Fenster. Im Garten schritten die Gendarmen auf und ab. Es war unmöglich, das Haus zu verlassen. Wir waren scharf bewachte Gefangene – es war uns nicht einmal gestattet, unser Mädchen oder unsere Wirtin zu sehen. Am nächsten Tag werden unsere Wirtin und die Dienstboten unter Eid vernommen. Wir verhörten wiederum der procureur général Monsieur Delpech und der procureur de la République über eine Stunde. Der Maulheld, Monsieur le baron Desagarre, las mir lange Auszüge vor und führte mir die Strafen vor Augen, die ich zu gewärtigen hatte, wenn ich mich weiterhin weigerte, als Zeugin auszusagen. Die Beredtheit dieser Herren machte jedoch auf mich keinen Eindruck. Ich erklärte ruhig, aber energisch, daß ich entschlossen sei, keinen Eid zu leisten und blieb fest.
Das Verhör meiner Schwester dauerte diesmal nur wenige Minuten. Auch sie weigerte sich kategorisch, einen Eid zu leisten.
Bevor uns der procureur général verließ, ersuchten wir ihn um Erlaubnis, einige Zeilen an unsere Mutter schreiben zu dürfen, da wir fürchteten, daß die Nachricht unserer Verhaftung in die Presse gelangen und unsere Eltern erschrecken könnte. Wir boten an, den Brief französisch im Beisein von Monsieur Delpech zu schreiben. Er sollte nur aus wenigen Sätzen bestehen, wie: wir sind wohlauf usw. Der procureur wies unser Ersuchen unter dem Vorwand ab, wir könnten eine eigene Sprache und die Worte – wir sind wohlauf – irgendeine geheime Bedeutung haben.
Diese Polizeirichter übertrafen noch Dogberry und Verges. Im folgenden noch ein weiteres Beispiel ihrer unbeschreiblichen Dummheit: Nachdem sie, wie unser Mädchen uns erzählte, mehrere Geschäftsbriefe gefunden hatten, die Herrn Lafargue gehörten und in denen vom Export von Schafen und Ochsen die Rede war, riefen sie aus: „Ochsen, Schafe – Intrigen, Intrigen! Schafe – Kommunisten; Ochsen – die Internationalen.“
Den Rest des Tages und der folgenden Nacht verbrachten wir wieder unter der Bewachung mehrerer Gendarmen, und einer von ihnen saß uns immer gegenüber, sogar wenn wir unser Abendbrot aßen.
Am nächsten Tag, am 8., suchte uns der Präfekt und eine Person auf, die wir für seinen Sekretär hielten. Von diesem Interview erschien ein ganz ungenauer und phantastischer Bericht in der „France“, der von einer ganzen Reihe anderer Zeitungen nachgedruckt wurde. Doch kommen wir zu dem Präfekten zurück.
Nach einer sehr langen Einleitung von Monsieur de Kératry unterrichtete er uns äußerst höflich, daß die Behörden sich geirrt und es sich herausgestellt hätte, daß die Anschuldigung gegen Herrn Lafargue jeder Grundlage entbehre, daß er unschuldig sei und es ihm daher freistände, nach Frankreich zurückzukehren. „Was Ihre Schwester und Sie betrifft“, sagte Monsieur de Kératry, der, wie ich annehme, der Meinung war, ein Spatz in der Hand sei besser als zwei Tauben auf dem Dach, „so liegt gegen Sie viel mehr vor, als gegen Herrn Lafargue“ (so wurden wir plötzlich aus Zeugen in Angeklagte verwandelt), „und Sie werden sehr wahrscheinlich aus Frankreich ausgewiesen werden. Die Anweisung der Regierung zu Ihrer Freilassung wird jedoch im Laufe des Tages eintreffen.“ Dann sagte er in väterlichem Ton: „Gestatten Sie mir auf alle Fälle, Ihnen den Rat zu geben, in Zukunft Ihren Eifer zu dämpfen, pas trop de zèle12!“ Worauf der Mann, den wir für den Sekretär hielten, schroff einwarf: „Und die Internationale, besitzt diese Assoziation in England große Macht?“ „Ja“, antwortete ich, „sie ist sehr mächtig und in allen anderen Ländern auch.“ „Aha“, rief Monsieur de Kératry aus, „die Internationale ist eine Religion!“ Ehe Monsieur de Kératry das Zimmer verließ, versicherte er uns noch einmal auf sein Ehrenwort, daß Paul Lafargue frei sei und ersuchte uns, sofort nach Bosost zu schreiben, ihm dies mitzuteilen und ihn einzuladen, nach Frankreich zurückzukehren. Ich sah schon im Geiste das rote Band der Ehrenlegion das Knopfloch des de Kératry schmücken; und da meiner Meinung nach die Ehre eines Ritters der Ehrenlegion sich von der Ehre eines gewöhnlichen Sterblichen weitgehend unterscheidet, dachte ich, daß es besser wäre, vorsichtig zu sein; und so beschloß ich, das Gegenteil zu tun: anstatt Herrn Lafargue zu raten, nach Luchon zurückzukehren, wollte ich einen Freund bitten, ihm die Mittel zu schicken, damit er ins Innere Spaniens fahren könne.
Gefolgt von unseren Schatten, den Gendarmen, warteten wir vergeblich auf den versprochenen Freilassungsbefehl. Um 11 Uhr nachts trat der procureur de la République in unser Zimmer; aber anstatt uns den Befehl für unsere Freilassung zu bringen, hieß uns Monsieur Desagarre, einen Reisekoffer zu packen und ihm in „une maison particulière“13 zu folgen. Ich wußte, daß dieses Vorgehen ungesetzlich war – doch was konnten wir tun? Es waren nur einige Frauen im Haus, der procureur aber war von mehreren Gendarmen begleitet. Um jedoch dem feigen Maulhelden Monsieur Desagarre nicht die Genugtuung zu verschaffen, brutale Gewalt anzuwenden, gaben wir unsern weinenden Mädchen den Auftrag, unsere Kleider usw. fertigzumachen. Nachdem wir versucht hatten, die Tochter unserer Wirtin damit zu trösten, daß wir ihr sagten, wir würden bald wiederkommen, stiegen wir mitten in der Nacht in einem fremden Land und ohne zu wissen, wohin wir gebracht würden, in eine Kutsche, in der zwei Gendarmen saßen.
Unser Ziel war, wie sich herausstellte, die Gendarmeriekaserne; man zeigte uns unsern Schlafraum, verrammelte unsere Tür von außen vorschriftsgemäß und ließ uns allein. An diesem Ort blieben wir den nächsten Tag bis nach 5 Uhr, als ich, entschlossen zu erfahren, was dies alles zu bedeuten habe, um eine Unterredung mit dem Präfekten bat. Monsieur de Kératry kam. Ich fragte ihn, warum man uns zur Gendarmerie gebracht habe, wo man uns doch die Freiheit versprochen hatte.
„Dank meiner Fürsprache“, lautete die Antwort, „wurde Ihnen gestattet, die Nacht in der Gendarmerie zu verbringen. Die Regierung (Monsieur Thiers) hätte Sie in das Gefängnis St. Godins in der Nähe von Toulouse geschickt.“ Dann überreichte mir Monsieur de Kératry einen Brief mit zweitausend Franken, den der Bordeauer Bankier von Herrn Lafargue an ihn gesandt und den er, Monsieur de Kératry, bisher zurückgehalten hatte; schließlich erklärte er, daß wir frei seien, und nicht aus Frankreich ausgewiesen würden, sondern daß es uns freistehe, wie Herr Lafargue, im Lande zu bleiben.
Diesmal waren wir so unvorsichtig, Frau Lafargue davon zu unterrichten, was Monsieur de Kératry in bezug auf ihren Gatten gesagt hatte.
Am 10. erhielten wir einen laisser-passer14 nach Spanien, doch wurde uns unser englischer Paß nicht zurückgegeben. Zehn Tage lang ersuchten wir vergebens darum. Monsieur de Kératry schrieb uns, er hätte ihn nach Paris geschickt und könne ihn nicht zurückbekommen, obwohl er verschiedentlich darum gebeten habe.
Da begriffen wir, daß wir aus der kleinen Gendarmerie in Luchon nur entlassen worden waren, um in der großen Gendarmerie, der Republik Thiers’, eingesperrt zu werden. Wir waren noch immer Gefangene. Ohne Paß konnten wir Frankreich nicht verlassen; wir sollten offensichtlich so lange in diesem Lande zurückgehalten werden, bis irgendein Ereignis den Vorwand für eine neue Verhaftung liefern würde.
Die Polizeibehörden von Toulouse beschuldigten uns täglich, daß wir als Emissäre der Internationale an der französischen und spanischen Grenze tätig wären. „Doch“, fügten sie hinzu, „der Präfekt trifft energische Maßnahmen, um die Einwohner der Haute-Garonne zu beruhigen (pour rassurer).“ Nun, es stimmt allerdings, man hatte uns einen laisser-passer nach Spanien gegeben, doch die Erfahrung, die Frau Lafargue in Spanien gemacht hatte, war nicht danach angetan, uns zu veranlassen, im Lande des Cid Zuflucht zu suchen.
Die Tatsachen, die wir von Frau Lafargue erfuhren, führen uns die Ereignisse vom 6. August noch einmal vor Augen.
Ich erwähnte, daß man unsern Kutscher gezwungen hatte, uns in Fos zu verlassen. Nach diesem Zwischenfall versuchten Monsieur Desagarre, der procureur de la République, und eine Anzahl „Gentlemen“ von der Polizei, ihn auf äußerst plausible Weise zu überreden, nach Bosost zurückzukehren, und Herrn Lafargue unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu bewegen, nach Fos zu fahren. Glücklicherweise ist ein ehrlicher Mann einem halben Dutzend Polizeispitzel mehr als gewachsen. Der schlaue junge Bursche erriet, daß hinter diesem gleisnerischen Gerede eine Falle steckte und weigerte sich strikt, Herrn Lafargue zu holen. Also machten sich die Gendarmen und Zollbeamten mit dem procureur an der Spitze auf eine Expedition nach Bosost. Monsieur le baron Desagarre, dessen „besserer Teil der Tapferkeit die Vorsicht ist“, hatte vorher erklärt, er würde sich, um Herrn Lafargue zu erwischen, nicht ohne ausreichende Eskorte nach Fos begeben; er könne mit einem oder zwei Gendarmen gegen einen Mann wie Herrn Lafargue, der sicherlich schnell zur Schußwaffe greife, nichts ausrichten. Monsieur Desagarre täuschte sich – nicht eine Kugel, sondern Fußtritte und Faustschläge erwarteten ihn. Bei seiner Rückkehr von Bosost suchte Monsieur Desagarre mit Bauern Streit, die ihr Dorffest feierten. Die tapferen Bergbewohner, die ihre Freiheit genauso lieben wie ihre Höhenluft, verdroschen den edlen Baron nach Strich und Faden und jagten ihn zum Teufel. Er war durch den Schaden nicht klüger geworden! Doch ich will nicht vorgreifen.
Ich sagte gerade, daß Monsieur Desagarre und sein Gefolge nach Bosost aufgebrochen waren. Sie erreichten diese Stadt bald und fanden auch bald das Hotel, in welchem sich Lafargues aufhielten, denn die Einwohner von Bosost besitzen nur zwei Hotels oder besser gesagt, Gasthöfe. Sie sind noch nicht so zivilisiert, um die landläufige Anzahl von Kneipen zu besitzen. Während sich Monsieur Desagarre nun vor dem Haupteingang des Hotels Masse aufstellte, verließ Herr Lafargue mit Hilfe seiner guten Freunde, der Bauern, das Haus durch die Hintertür, erklomm die Berge und entwischt auf Pfaden, die nur Reiseführern, Ziegen und englischen Touristen bekannt sind – weil alle gewöhnlichen Wege von spanischen Carabineros bewacht wurden. Die spanische Polizei hatte sich begeistert der Sache ihrer französischen Brüder angenommen. Frau Lafargue bekam alle Segnungen der Internationalen Assoziation der Polizei zu spüren. Um drei Uhr morgens drangen plötzlich vier spanische Offiziere in ihr Schlafzimmer ein und richteten ihre Karabiner auf das Bett, in welchem sie mit ihrem Kinde schlief. Das arme kranke Kind erwachte plötzlich und beginnt erschrocken zu schreien; aber das hält die spanischen Offiziere nicht davon ab, in jedem Loch und in jeder Ritze nach Herrn Lafargue zu suchen. Nachdem sie sich schließlich überzeugt hatten, daß ihre Beute ihnen entwischt war, erklärten sie, daß sie Frau Lafargue mitnehmen. Daraufhin mischt sich der Hotelwirt – ein sehr ehrwürdiger Mann – ein und sagt, er sei überzeugt, die spanische Regierung würde die Ausweisung einer Dame nicht gutheißen. Er hatte recht. Frau Lafargue erhielt die Erlaubnis, in Bosost zu bleiben, doch wurde sie von da an ständig durch zwei sie beschattende Polizeiagenten belästigt. Eine Truppe Spitzel schlug ihr Hauptquartier im Hotel auf. An einem Sonntag machten sich sogar der Präfekt und der procureur de la République die Mühe, von Luchon nach Bosost zu fahren, um Frau Lafargue zu sprechen. Da sie jedoch ihre Neugierde nicht befriedigen konnten, trösteten sie sich damit, Rouge et Noir15 zu spielen, das neben Baccarat15 die einzige ernsthafte Beschäftigung der Versailler petits gras16 ist, die sich jetzt in den Pyrenäen aufhalten.
Doch beinahe hätte ich vergessen zu erzählen, warum es Monsieur de Kératry nicht gelang, Frau Lafargue zu sprechen. Ein französischer Bauer aus Luchon hatte nämlich einige seiner spanischen Freunde in Bosost über Monsieur de Kératrys beabsichtigten Besuch informiert, und diese warnten natürlich sofort Frau Lafargue.
Die französische und spanische Bevölkerung der Pyrenäen bilden ein offensives und defensives Bündnis gegen ihre respektiven Regierungen. In unserm Falle spionierten sie den offiziellen Spionen des Präfekten nach; und obwohl sie an der französischen Grenze wiederholt angehalten wurden, versuchten sie immer wieder, an Nachrichten zu überbringen. Schließlich ordnete Monsieur de Kératry an, daß es niemandem, auch nicht den Reiseführern erlaubt sei, ohne gültigen Paß nach Bosost überzusetzen. Diese Maßnahme konnte natürlich nicht verhindern, daß uns nach wie vor Nachrichten übermittelt wurden; sie trug nur dazu bei, die Bauern der Pyrenäen, die der Krautjunker-Versammlung von Versailles schon feindlich gegenüberstanden, noch mehr zu erbittern.
In der Folgezeit erfuhr ich, daß in anderen Teilen Frankreichs die Bauern ihren sogenannten Vertretern, den regierenden Krautjunkern, ebenso feindlich gegenüberstehen. Monsieur Thiers erfüllt eine große revolutionäre Mission! Mit Hilfe seiner Präfekten, Pfaffen, gardes champêtres17 und Gendarmen wird er in kurzer Zeit einen allgemeinen Aufstand der Bauern herausfordern!
Frau Lafargue hatte uns einige Tage nach unserer Entlassung aus der Gendarmerie über das Entkommen von Herrn Lafargue unterrichtet. Später hörten wir von einem Einwohner Bososts, daß Herr Lafargue in Huesca verhaftet worden war und die Spanier der französischen Regierung seine Auslieferung angeboten hatten. An demselben Tage, als wir diese Nachricht erhielten, wurden uns unsere englischen Pässe durch den Friedensrichter zurückgegeben. Um der Besorgnis, in welcher wir Frau Lafargue wußten, die Bosost wegen ihres kranken Kindes nicht verlassen konnte und keine Ahnung hatte, was mit ihrem Gatten geschehen war, ein Ende zu bereiten, beschlossen wir, unverzüglich nach Huesca zu fahren, um beim Gouverneur dieses Distrikts die wirklichen Absichten der spanischen Regierung in bezug auf Herrn Lafargue zu erfahren. Als wir San Sebastian erreichten, hörten wir zu unserer Freude, daß Herr Lafargue freigelassen worden war. Daher kehrten wir sofort nach England zurück.
Ich kann diesen Brief nicht beenden, ohne eine kurze Beschreibung darüber zu geben, welcher Behandlung unsere Wirtin, Madame C., und das Mädchen am 6. August während unserer Abwesenheit ausgesetzt waren, denn im Vergleich zu ihnen waren wir noch mit großer Höflichkeit behandelt worden. Um 11 Uhr morgens veranstalteten der Präfekt, der procureur général, der procureur de la République usw. einen Überfall auf unser Haus. Wütend darüber, daß ihnen Herr Lafargue entkommen war, ließen sie ihren Zorn an der seit langem schwer herzkranken Madame C. und an unserem Mädchen aus. Das arme Mädchen wurde unerhört grob behandelt, weil sie nicht verraten wollte, wohin ihr Herr sich begeben hatte.
Es gelang jedoch dem Präfekten, dies von einem Jungen zu erfahren, der bei Madam C. als Gärtner angestellt war und den er sofort nach Fos schickte, damit er uns dort hinter einer Hecke auflauere und den procureur de la République & Co. von unserer Ankunft verständige.
Wenn Monsieur de Kératry während des Feldzugs gegen die Preußen dieselbe Methode zum Schutz seiner Flanken und seiner Nachhut gegen eine Überrumpelung angewandt hätte, nämlich durch Kavallerieposten und die Entsendung von Kundschaftern die Abteilungen des Feindes zu überraschen, wären die Dinge in der Bretagne günstiger verlaufen – selbstverständlich nach den taktischen Erfolgen de Kératrys in Fos zu urteilen.
Unserer Wirtin war es nicht gestattet worden, in ihrer Küche Feuer zu machen; anstatt in ihrem Bett zu schlafen, wurde ihr befohlen, sich auf den Fußboden zu legen. Sie weigerte sich jedoch, das zu tun. Der Präfekt ergriff ihren Sohn, ein noch nicht drei Jahre altes Kind, und sagte, daß er der Sohn von Herrn Lafargue wäre. Madame C. beteuerte wiederholt, daß er sich im Irrtum befände – aber vergebens. Schließlich schrie sie voller Angst, um die Identität ihres Kindes zu beweisen (sie fürchtete, daß es ihr entrissen werden könnte): „Aber das Kind spricht doch den Ortsdialekt.“ Einen Augenblick schien es, als ob auch dieses Argument den Präfekten nicht überzeugen würde. Vielleicht grübelte Monsieur de Kératry, da er glaubte, daß „die Internationale eine Religion ist“, über das Wunder der gespaltenen Zungen nach, die den Aposteln erschienen waren.
Einer der Gründe, warum Madame C. so mißhandelt wurde, bestand darin, daß sie in ihrem ganzen Leben nichts von der Internationale gehört hatte und daher keinen Bericht über die Tätigkeit dieser geheimnisvollen Gesellschaft in Luchon geben konnte. Übrigens wäre das sogar für ein gut eingeweihtes Mitglied eine unmögliche Aufgabe gewesen – wenigstens bevor Monsieur de Kératry in Luchon seine aktive Propaganda für die Internationale begann. Überdies hatte sich Madame C. insofern schuldig gemacht, als sie von ihrem Mieter Herrn Lafargue in Ausdrücken höchsten Lobes sprach. Doch ihr größtes Verbrechen bestand darin, daß sie nicht in der Lage war, zu zeigen, wo Bomben und Petroleum versteckt sind.
Ja! Es ist eine Tatsache, daß in unserem Haus nach Bomben und Petroleum gesucht wurde.
Als die versammelte Obrigkeit eine kleine Nachtlampe entdeckte, die dazu benutzt wurde, die Milch für das Baby aufzuwärmen, hielten sie in die Höhe und untersuchten sie sehr vorsichtig, als ob sie eine Höllenmaschine wäre, mit der Petroleum bis hinein in die Straßen von Paris geschleudert werden könnte. Von Luchon nach Paris! Selbst Münchhausen hat niemals eine derart lebhafte Phantasie gehabt. Die französische Regierung ist capable de tout18. Sie glaubt wirklich an die wilden Petroleum-Fabeln, die ihre eignen Hirngespinste sind. Sie glaubt wirklich, daß die Frauen von Paris „weder Tier noch Mensch, weder Mann noch Frau“ – sondern „pétroleuses“ sind, eine Art Salamander, die nur in ihrem natürlichen Element – dem Feuer – schwelgen.
Sie kommen fast an Henri de Pène vom „Paris-Journal“ heran, ihrem Propheten und Lehrer, der, wie man mir sagte, sich jetzt tatsächlich einbildet, daß die berüchtigten Briefe, die von ihm selbst unter dem Namen meines Vaters angefertigt wurden, nicht von Henri de Pène, sondern von Karl Marx stammten.
Man könnte vielleicht eine verrückt gewordene Regierung mit stummer Verachtung strafen und über die Possen lachen, welche diese herumlungern-den Hanswürste im Solde dieser Regierung in den ihnen zugewiesenen Rollen als Stümper und Störenfriede vollführen, wenn diese Possen sich in der Wirklichkeit nicht als Tragödien für Tausende Männer, Frauen und Kinder herausstellen würden. Man denke nur an die „pétroleuses“ vor dem Kriegsgericht in Versailles und an die Frauen, die im Laufe der letzten drei Monate auf den Pontons langsam zu Tode gequält werden.
Jenny Marx
London, September 1871
Aus dem Englischen.