MEW/17/ME17-649.html

14
[Aufzeichnung der Reden von Karl Marx
über die Trade-Unions]

[Aus dem Protokoll der Sitzung der Londoner Konferenz
der Internationalen Arbeiterassoziation vom 20. September 1871]

I

Marx glaubt, daß dieser Beschluß nicht auf dem Baseler Kongreß angenommen worden ist; nach Überprüfung erkennt er an, daß ein Beschluß in diesem Sinne gefaßt worden ist. Das sei ein frommer Wunsch gewesen, er habe damals selbst die Sache für möglich gehalten; jetzt sei er überzeugt, daß die Trade-Unions in eine solche Föderation nicht einwilligen werden. Die Trade-Unions, so sagte er, seien eine aristokratische Minderheit. Die armen Arbeiter könnten ihnen nicht angehören: die große Masse der Arbeiter, die durch die ökonomische Entwicklung täglich aus den Dörfern in die Städte getrieben wird, bleibe lange außerhalb der Trade-Unions, und die Allerärmsten würden ihnen niemals angehören. Dasselbe gelte für die im Londoner East End geborenen Arbeiter, wo den Trade-Unions einer von zehn angehört. Die Bauern, die Tagelöhner gehören niemals diesen Gewerksgenossenschaften an.

Die Trade-Unions auf sich allein gestellt, sind machtlos – sie werden eine Minderheit bleiben. Sie haben die Masse der Proletarier nicht hinter sich, während die Internationale direkt auf diese Menschen einwirkt; die Internationale braucht die Organisation der Trade-Unions nicht, um die Arbeiter zu gewinnen – die Ideen der Internationale begeistern sie sofort. Sie ist die einzige Vereinigung, die den Arbeitern volles Vertrauen einflößt.

Auch die Sprachunterschiede stehen einer internationalen Vereinigung mit den Trade-Unions entgegen.

II

Marx teilt nicht die Befürchtungen von Steens hinsichtlich der Trade-Unions. Diese hätten niemals etwas zuwege bringen können, ohne sich an uns zu wenden – selbst jene nicht, die am besten organisiert sind und Zweige in den Vereinigten Staaten haben; die Trade-Unions haben außerhalb der größten revolutionären Bewegung Englands gestanden.

Seitdem die Internationale existiert, ist es anders geworden. Wenn die Trade-Unions von ihren Kräften Gebrauch machen wollen, können sie mit unserer Hilfe alles erreichen. Sie hatten in ihren Statuten einen Paragraphen, der ihnen verbot, sich in Politik zu mischen; politische Aktionen unternahmen sie nur unter dem Einfluß der Internationale. Der Generalrat hat eine Reihe von Jahren mit den Trade-Unions in Verbindung gestanden; es existierte ein Komitee; gegenwärtig unterhält er noch Beziehungen zu den Trade-Unions dreier großer Städte – Manchester, Birmingham und Sheffield.

Nach der Protokollaufzeichnung.
Aus dem Französischen.

15
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx
über die politische Aktion der Arbeiterklasse]

[Aus dem Protokoll der Sitzung der Londoner Konferenz
der Internationalen Arbeiterassoziation vom 20. September 1871]

Bürger Lorenzo hat uns an die Beachtung des Reglements erinnert, und Bürger Bastelica ist seinem Beispiel gefolgt. Ich nehme die Originalstatuten und die Inauguraladresse und lese in beiden, daß der Generalrat verpflichtet wird, den Kongressen ein Arbeitsprogramm zur Diskussion zu unterbreiten. Das Programm, das der Generalrat der Konferenz zur Diskussion unterbreitet, behandelt die Organisation der Assoziation, und der Vorschlag Vaillants bezieht sich gerade auf diesen Punkt; also ist der Einwand von Lorenzo und Bastelica unbegründet.

In fast allen Ländern haben gewisse Mitglieder der Internationale, sich auf die verstümmelte Fassung der auf dem Genfer Kongreß angenommenen Statuten berufend, zugunsten der Abstention von der Politik Propaganda gemacht; und die Regierungen haben sich wohl gehütet, dem Einhalt zu gebieten. In Deutschland haben Schweitzer und andere im Solde Bismarcks sogar versucht, die Tätigkeit der Sektionen vor den Karren der Regierungspolitik zu spannen. In Frankreich hat diese sträfliche Abstention den Favre, Picard und anderen erlaubt, am 4. September die Macht an sich zu reißen; diese Abstention ermöglichte am 18. März in Paris die Bildung eines diktatorischen Komitees, das sich größtenteils aus Bonapartisten und Intriganten zusammensetzte, welche die ersten Tage der Revolution absichtlich in Untätigkeit verloren haben, Tage, die sie der Festigung der Revolution hätten widmen müssen.

In Amerika hat ein kürzlich abgehaltener, aus Arbeitern zusammengesetzter Kongreß beschlossen, sich mit Fragen der Politik zu befassen und die Politikaster von Beruf durch Arbeiter, wie sie selbst es sind, zu ersetzen, die beauftragt werden, die Interessen ihrer Klasse zu verteidigen.

In England ist es für einen Arbeiter nicht so leicht, ins Parlament zu kommen. Da die Mitglieder des Parlaments keinerlei Entschädigung erhalten und der Arbeiter nur durch seine Arbeit die zu seinem Lebensunterhalt erforderlichen Mittel erwirbt, ist das Parlament für ihn unerreichbar, und die Bourgeoisie weiß sehr wohl, daß ihre hartnäckige Weigerung, Diäten für die Parlamentsmitglieder zu bewilligen, das Mittel ist, um die Arbeiterklasse daran zu hindern, im Parlament vertreten zu sein.

Man soll keineswegs glauben, daß es von geringer Bedeutung ist, Arbeiter in den Parlamenten zu haben. Wenn man ihre Stimme erstickt, wie im Falle De Potter und Castiau, oder wenn man sie hinauswirft wie Manuel – so üben diese Repressalien und diese Unterdrückung eine tiefe Wirkung auf das Volk aus. Wenn sie dagegen, wie Bebel und Liebknecht, von der Parlamentstribüne sprechen können, so hört sie die ganze Welt. Sowohl in dem einen wie in dem andern Fall verschafft das unseren Prinzipien große Publizität. Um nur ein Beispiel zu bringen: Als Bebel und Liebknecht während des Krieges, der in Frankreich geführt wurde, darangingen, gegen den Krieg zu kämpfen, um angesichts all dieser Geschehnisse die Verantwortlichkeit dafür seitens der Arbeiterklasse von sich zu weisen, war ganz Deutschland erschüttert; und sogar in München, dieser Stadt, wo Revolutionen nur wegen des Bierpreises zustandekommen, fanden große Kundgebungen statt, auf denen die Beendigung des Krieges gefordert wurde.

Die Regierungen sind uns feindlich gesinnt1; man muß ihnen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln antworten. Arbeiter in die Parlamente bringen ist gleichbedeutend mit einem Sieg über die Regierungen, aber man muß die richtigen Männer auswählen, keine Tolains.

Marx unterstützt den Vorschlag des Bürgers Vaillant, sowie den Abänderungsantrag Frankels, diesem Vorschlag eine Motivierung vorauszuschicken, in der sein Sinn dargelegt, das heißt bekräftigt wird, daß die Assoziation nicht erst seit heute, sondern seit jeher fordert, die Arbeiter müssen sich mit Politik befassen.

Nach der Protokollaufzeichnung.
Aus dem Französischen.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 17, Berlin: Dietz Verlag 1962, S. 649-651.